Ex-Thalia-Chefdramaturg Michael Börgerding kommt – aber erst in zwei Jahren / Frey fährt erneut Minus ein

Theater Bremen: Neuer Intendant

Seebühnendebakel: die defizitäre Produktion „Turandot“.

Bremen - Von Johannes Bruggaier. (Eig. Ber.) · Das Theater Bremen erhält ab der Spielzeit 2012/2013 einen neuen Generalintendanten. Wie die Kulturbehörde der Stadt gestern mitteilte, soll der ehemalige Chefdramaturg des Thalia Theaters, Michael Börgerding, die Nachfolge von Hans-Joachim Frey antreten. Bis dahin werden wie vorgesehen die vier Spartenleiter die Geschicke des Hauses lenken.

Börgerding, Jahrgang 1960, hat in Göttingen Germanistik, Philosophie und Soziologie studiert. Mit Produktionsdramaturgien und Regieassistenzen am Jungen Theater Göttingen betrat er Ende der achtziger Jahre die Theaterszene. Bis 1993 war er an dem Haus als Dramaturg und Regisseur tätig, anschließend wechselte er ans Staatstheater Hannover. Seinen größten Karrieresprung markierte der Wechsel auf den Posten des Chefdramaturgen am Thalia Theater Hamburg im Jahr 2000. Unter Börgerding fuhr das Haus zahlreiche Erfolge ein und wurde 2003 zum Theater des Jahres gewählt.

Regisseure wie Michael Thalheimer und Andreas Kriegenburg erlangten in dieser Zeit bundesweites Renommee: Regiehandschriften, die in Fachkreisen immer auch mit der Person des Intendanten Ulrich Khuon sowie seines leitenden Dramaturgen in Verbindung gebracht wurden. Seit 2005 ist Börgerding Chef der neugegründeten Theaterakademie Hamburg und hat viel beachtete Regie-Talente wie Jette Steckel und Mirja Biel (die zuletzt auch in Bremen inszenierte) herausgebracht.

Mit der Entscheidung für Börgerding hat Bremen endgültig die Kehrtwende vollzogen: fort von einer Theaterführung, die auf Events und Glamour setzt, hin zu einer intellektuellen Ausrichtung des Kulturbetriebs. Denn Börgerding ist alles andere als ein Manager im Stile Hans-Joachim Freys. Vielmehr tritt er gerne mit theaterwissenschaftlichen Beiträgen in Erscheinung – in Fachmagazinen wie Buchprojekten. Publikumsferne ist gleichwohl nicht zu befürchten: Börgerding versteht es, auch komplexe Diskurse des Theaters ebenso fundiert wie verständlich zu vermitteln.

Ein Fragezeichen steht allerdings hinter seinen Kompetenzen in den Bereichen Oper und Tanz. Seinen guten Ruf hat der kommende Intendant ausschließlich an reinen Sprechtheatern (Göttingen, Hamburg) beziehungsweise in der Schauspielsparte (Hannover) erworben. Nach dem opernaffinen Hans-Joachim Frey, der bis zuletzt keinen Zugang zum Schauspiel fand, könnte damit der umgekehrte Fall eintreten: ein Schauspielexperte ohne Opernerfahrung. Börgerding wird sich hier Vertrauen erarbeiten müssen. Sein Name war schon vor Monaten Gegenstand von Spekulationen um den Intendantenposten. Das mag einerseits seinem Wohnsitz in Bremen geschuldet sein, andererseits seinen zuletzt auffällig häufigen Besuchen von Produktionen des Hauses am Goetheplatz.

Börgerdings Vorgänger droht derweil nach dem 2,5-Millionen-Euro-Defizit mit dem Musical „Marie Antoinette“ der nächste finanzielle Reinfall: Die unter Freys Leitung bespielte Seebühne am Einkaufszentrum „Waterfront“ soll mit der Produktion „Turandot“ in diesem Sommer ein Minus von rund 300 000 Euro eingefahren haben. Bereits vor wenigen Wochen hatte das Theater mitgeteilt, dass die Besucherzahl im Vergleich zum Vorjahr um 8 000 zurückgegangen war. Bremens Kulturstaatsministerin Carmen Emigholz (SPD) will jetzt dem Theater-Aufsichtsrat empfehlen, das Seebühnen-Projekt im kommenden Jahr abzublasen.

Unterdessen hat die CDU gestern den Rücktritt der Staatsrätin von ihrem Posten als Vorsitzende des Gremiums gefordert. Der Fehlbetrag sei nicht zuletzt auf ein mangelhaftes Controlling im Kulturressort zurückzuführen, erklärte der kulturpolitische Sprecher der Partei, Carl Kau: „Die großartig versprochenen Kontrollmechanismen haben kläglich versagt, anders kann man sich die erneute Kostenexplosion nicht erklären.“ Auch der FDP-Fraktionsvorsitzende Uwe Woltemath forderte die Regierung auf, personelle Konsequenzen zu ziehen. Emigholz selbst bezeichnete die Rücktrittsforderung gestern als „reines Wahlkampfgetöse“.

Wie das Kulturressort auf Anfrage erklärte, soll die anvisierte Pause im kommenden Jahr eine Suche nach alternativen Finanzierungswegen ermöglichen. Denkbar sei eine Biennale mit Unterstützung privater Geldgeber. Das Haus am Goetheplatz soll von künftigen Belastungen verschont bleiben. „Das Theater arbeitet zurzeit unter Konsolidierungsbedingungen“, sagte gestern Ressortsprecher Heiner Stahn: „Da passt ein defizitäres Projekt nicht ins Bild.“

Als Grund für die mangelhafte Publikumsresonanz hatte Intendant Frey in einer ersten Bilanz die Fußball-Weltmeisterschaft und das Wetter ausgemacht. Insbesondere die ersten Vorstellungen waren bei fast winterlichen Temperaturen von um die zehn Grad über die Bühne gegangen. Frey hatte anschließend von einem „unter diesen Umständen zufrieden stellenden Ergebnis“ gesprochen.

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