Theater Bremen

David Bowies „Lazarus“ feiert am Samstag Premiere 

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David Bowie, porträtiert von Helmut Newton  

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze. David Bowie war einer der vielseitigsten und innovativsten Popmusiker seiner Zeit. Vor seinem Tod 2017 schrieb er das noch im gleichen Jahr in New York uraufgeführte Musical „Lazarus“, das sein eigenes Requiem werden sollte. Regisseur Tom Ryser, den die norddeutschen Opernliebhaber aus einer Inszenierung von Benjamin Brittens „Sommernachtstraum“ in Oldenburg kennen, bringt „Lazarus“ am Theater Bremen auf die Bühne.

Herr Ryser, „Lazarus“ ist kein durchkomponiertes Werk, sondern wurde aus schon existierenden Bowie-Songs zusammengesetzt. Was hat Bowie mit Walsh ausgewählt?

Tom Ryser: David Bowie hat in der Verfilmung des Science-Fiction-Romans „The Man Who Fell to Earth“von Walter Trevis in den 70er-Jahren die Hauptrolle gespielt, und diese Geschichte hat ihn nie mehr losgelassen: Der Außerirdische, der auf die Erde kommt, um Wasser für seinen sterbenden Planeten zu holen. Er wird nur als Mensch aus einer anderen Welt und somit als Gefahr wahrgenommen und gibt, frustriert und zerstört durch die ganzen Untersuchungen durch FBI und CIA, halb erblindet auf und strandet auf der Erde. Weder seinen noch unseren Planeten kann er retten. Mit „Lazarus“ wollte Bowie diese Geschichte weiterschreiben. Ihn interessierte vor allem die Atmosphäre des Gefangenseins in der falschen Welt. Diese Zwischenstation, die natürlich auch eine philosophische Metapher für unser Leben ist. Er hatte ein, zwei Ideen für die Figuren und Lieder und hat den von ihm bewunderten Autor Walsh gebeten, Songs auszuwählen und ein Libretto zu schreiben. Beide waren sich schnell einig, wie die Atmosphäre des Werkes sein sollte, aber wie der Handlungsstrang verlaufen sollte, darüber herrschte lange keine Einigkeit.

Und was bedeutet der Titel „Lazarus“, der auch Titel seines letzten Liedes ist?

Ryser: Lazarus ist der Wiederauferstandene, von Jesus zum Leben Erweckte. In der Titelwahl steckt meiner Meinung nach der Wunsch, dem Leben einen Sinn über das eigene Leben hinaus zu geben. Also Wunsch und vor allem Hoffnung, dass dieses Leben einen weiterführenden, höheren Sinn hatte. Ich würde behaupten, dass Bowie mit Lazarus sein Vermächtnis schreiben wollte, aber vielleicht würde er es anders sehen. Ihm war klar, dass er sterben wird – das Musical ist sein Requiem. Und es geht nicht um den biblischen Lazarus, sondern um die Hoffnung, bleiben zu können oder wiederzukommen.

Die Hauptfigur, der Alien Thomas Newton, findet sich auf der Erde nicht zurecht. Kann man sagen, dass das Musical auch eine Kapitalismuskritik ist?

Ryser: Nein. Der Roman schon. Da wird er vom CIA und FBI verfolgt und gefoltert. Aber hier im Musical ist es übergreifend philosophischer: Es geht um einen Mann, der stirbt. Es entsteht eine Sehnsucht, er kann aber nicht sterben. Gefangen auf dieser Erde, kann er nicht loslassen. Er muss es lernen und kann dann erleichtert gehen – mit Hoffnung. Es geht um Tod und Transzendenz und ist nie depressiv und nie melancholisch. Bowie sagte von sich selber, er sei kein Bob Dylan. Er könne nicht wie er Songs schreiben, die eine allgemeine politische Gültigkeit haben, sondern er könne immer nur zeigen, wie sich die Dinge in ihm selbst spiegeln würden. So sehe ich auch die Hauptfigur Newton.

Unter der Gattung „Musical“ versteht man etwas ganz Bestimmtes. Was ist in Bowies Werk anders?

Ryser: „Lazarus“ ist kein klassisches Musical, es ist eher ein Singspiel: ein Schauspiel mit Musik, ein Text mit Liedern. Musical nennt man es vielleicht, weil es sich um moderne Musik handelt. Und es wurde ja auch nicht als durchgängiges Musical geschrieben, sondern als große Sphäre. Vorhandene Songs wurden ausgewählt und in ein Setting, eine Grundidee integriert: David Bowie zeigt uns die Innenwelt von Thomas Jerome Newton, dem Außerirdischen. Die sphärischen Landschaften in seinem Kopf, das Schweben zwischen Wunsch, Wahn und Wirklichkeit, sodass auch der Zuschauer nicht immer weiß, ob er sich in der Bühnen-Realität oder im Surrealismus, der Transzendenz, oder in der wirren Gehirnwindungen der Hauptfigur befindet.

Das klingt nach Psychiatrie?

Ryser: Newton als psychisch krank zu bezeichnen, wäre zu einfach. Er ist auf seine Weise ein Genie, ein großartiger Denker und genialer Wissenschaftler. Er träumt sich im Angesicht seines eigenen Todes noch einmal durch sein ganzes reales Leben und durch seine Sehnsucht. Seine Unzulänglichkeit, loslassen zu können, ist nur allzu menschlich. Wir wollen alle nicht sterben und müssen es doch, egal wie genial oder berühmt oder reich wir im Leben waren. Und wenn wir dann gehen müssen, dann sollten wir auch loslassen können. Aber wie? Was oder wer soll einem diese Ruhe geben? Die Gewissheit, gut gelebt zu haben? Die Hoffnung, dass es danach weitergeht? Woanders? Die Sehnsucht nach diesem anderen Planeten, von dem wir vielleicht kommen?

Der musikalische Leiter Yoel Gamzou zeichnet verantwortlich für die musikalische Einstudierung, er wird aber nicht auf der Bühne stehen.

Ryser: Auch im Graben wird Yoel Gamzou nicht stehen, obwohl wir einen Graben haben. Darin sitzt aber kein Orchester, sondern eine Rockband. Yoel Gamzou und ich gestalten den Wahnsinn dieses Traumes gemeinsam, er als musikalischer Leiter und ich als Regisseur. Ich liebe es sehr, mit ihm zu arbeiten.

Premiere am Samstag, 19.30 Uhr, Theater am Goetheplatz, Bremen.

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