„The Art of Arriving“: Migrantenkinder erzählen in Bremen von ihrem Leben

Die Dolmetscher

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Da, eine freie Wohnung in Hemelingen! Aber sind die Vermittler auch vertrauenswürdig? Szene aus „The Art of Arriving“ am Theater Bremen.

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Kinder auf der Bühne: rührend! Migranten auf der Bühne: Probleme! Behörden auf der Bühne: Kritik! Wenn sich ein Theater dem Schicksal von Kindern bulgarischer Einwanderer widmet, scheint das Ergebnis absehbar. Nicht so in „The Art of Arriving“, einem „Deutschland-Crashkurs“, der am Samstagabend am Theater Bremen Premiere hatte.

Regisseurin Lola Arias hatte nämlich bereits in ihrer vergangenen Produktion mit Bremer Obdachlosen gezeigt, dass sie den Alltag gesellschaftlicher Randgruppen ohne Betroffenheitsgestus und Mitleidheischen zu inszenieren versteht. Ihre Abende sind keine Spendenaufrufe, sondern Dokumentationen, und ihre Akteure keine Bittsteller, sondern selbstbewusste Erzähler. Und als solche gewähren die elf Kinder in „The Art of Arriving“ dem Bremer Publikum interessante Einblicke in ihre Geschichte und ihre Gegenwart.

Dabei steht ihnen ein spektakuläres Bühnenbild zur Verfügung. So dient als Videoleinwand ein überdimensionaler Spiralblock, dessen kleines Pendant auf einem Schreibtisch am linken Bühnenrand liegt. Mit jedem Umblättern am Schreibtisch werden auf der Leinwand neue Sätze, Zeichnungen oder Landkarten auf die weiße Fläche sichtbar. Und manchmal auch Fotografien oder Videos als Kulisse für szenische Darstellungen.

So begleiten wir die jungen Bulgaren in ihre Familiengeschichte zurück, lernen, dass ihre Großeltern als Angehörige der türkischen Minderheit verfolgt wurden, warum die Heimat der Eltern nach der Wende im Chaos versank und weshalb der Vater mit seiner Familie irgendwann in Cloppenburg strandete: Würste abfüllen für sechs Euro die Stunde, wohnen in einer Fünf-Zimmer-Wohnung gemeinsam mit 30 anderen Russen und Bulgaren.

Die Kinder berichten von Löhnen und Mieten, von Wohnungsgrößen und Vertragsdetails, als handelte es sich um Lernstoff der Grundschule. Dass man in Bremen ohne Arbeitsvertrag als türkischer Bulgare nur über alteingesessene Türken in Gröpelingen oder Hemelingen an eine Wohnung kommt, perlt dem jungen Erzähler so selbstverständlich über die Lippen wie die Warnung, dass „du aufpassen musst, von diesen Türken dabei aber nicht ausgenutzt zu werden“.

Mit spielerischer Souveränität berichten sie von Behördengängen und Arztbesuchen, von ihrer alltäglichen Dolmetscherarbeit für die oft hilflosen Eltern. „Beim Jobcenter“, sagen sie, „musst du immer freundlich sein, dich gut anziehen und vor allem vorher die Zähne putzen!“ Es erweist sich als frappierend, welche Übersetzungsleistung Migranten selbst bei den gewöhnlichsten Angelegenheiten abverlangt wird. Beim Einkaufen: „Haben Sie Ihre Payback-Karte dabei? Ihre EC-Karte funktioniert nicht, bitte geben Sie nochmal den Pin ein!“ Eltern kapitulieren bei diesem Kauderwelsch und verlassen sich auf ihre Kinder – so auch beim Antrag auf Kindergeld. „Steuerliche Identifikationsnummer der antragstellenden Person“ steht da zu lesen. So weit, so gut. Bloß: Was um alles in der Welt ist eine „Bedarfsgemeinschaft“?

Was für andere anstrengend und rätselhaft wirkt, ist für diese Kinder eine schiere Selbstverständlichkeit, das große Spiel ihres Alltags. Es ist kein guter und kein schlechter Alltag, sondern schlicht der einzige, den sie kennen. Und der allen Deutschen ohne Migrationserfahrung irritierend fremd erscheinen muss.

Es ist beeindruckend, mit welcher Professionalität diese Kinder von diesem Alltag erzählen. Mit wie viel Witz und Sprachgewandtheit sie die Perspektiven ihrer Eltern, Lehrer oder Behördenvertreter zur Geltung bringen. Und mit welcher Selbstironie sie zwischenzeitliche Aussetzer überspielen. „The Art of Arriving“, das sind eineinhalb Stunden pure Theaterfreude.

„Nach dem Theater“, sagt einer der Akteure am Ende, „werde ich Chef einer großen Firma und gehe am Wochenende mit meiner Frau im besten Anzug zur Oper!“ Nach dem Theater, sagt eine andere, werde sie nie mehr so lange deutsche Texte auswendig lernen: „Nie mehr!“ Nach dem Theater, verkündet ein Dritter stolz, „kriege ich vom Theater 350 Euro“. Und lässt keinen Zweifel daran, dass er sich diese Gage redlich verdient hat.

Kommende Vorstellungen: morgen und am 23. Juni sowie am 1. und 11. Juli jeweils um 19 Uhr, am 21. Juni um 16 Uhr am Theater Bremen.

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