Das „Ballet Revolución“ zeigt kubanischen Tanz, wie man ihn noch nicht kennt / Anfang Januar in Bremen

„That‘s Africa, my friend!“

Heidy Batista García bei der Probe…
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Heidy Batista García bei der Probe…

Havanna - Von Johannes Bruggaier. Schwerfällig zwängen sich die Wolken durch die sozialistischen Betonbauten von Havanna. Unendlicher Regen prasselt auf sturmgebeugte Palmen, die Plaza de la Revolución steht unter Wasser. Herbstgrauen statt Sonnenschein, Nordseewetter statt Karibikflair: Das ist doch nicht Kuba!

Leichtfüßig schwebt die Primaballerina über den Tanzboden des Nationaltheaters. Plötzlich umzingelt von einer wilden Meute: Straßenkinder aus der Bronx, athletisch und cool. Schwanensee statt Guantanamera, Breakdance statt Salsa: Das ist doch nicht Kuba! Doch. Das ist beides Kuba. Was die Tänzer auf der Probebühne des Nationaltheaters von Havanna einstudieren, steht unter dem Stern des „Ballet Revolución“. Wobei eben jener Stern im Logo der Compagnie gleich mit abgebildet ist – schön rot, wie es sich für Fidel Castros real existierenden Sozialismus gehört. Aha, ein Machwerk des Regimes also! Aber nein, selbst dieses Klischee will nicht passen.

…und bei Mama: Im Januar kommt sie mit dem Ballet Revolución nach Bremen. ·

Denn „Ballet Revolución“ zeigt ein Kuba abseits von Sonne, Salsa, Sozialismus. Es geht um ein Land, in das sich Jahrhunderte von Sklaverei und Despotismus eingeschrieben haben. Um eine Kultur, die sich gleichermaßen aus europäischen wie afrikanischen Formsprachen speist. Und die Wege gefunden hat, die diesen Wurzeln innewohnenden Widersprüche auf fast magische Weise aufzulösen. Während draußen unaufhörlich der Regen gegen die Fensterscheiben peitscht, kracht drinnen „Roxanne“ aus den Boxen. Der „Police“-Klassiker aus den Siebzigern, zu einer Geigenschmelz-Romanze verpoppt. Dazu trifft sich Tänzerin Heidy Batista García, 27 Jahre alt, mit ihrem Compagniepartner zum Pas de deux: mit klassischer Vornehmheit zunächst, auf Zehenspitzen und mit hoch erhobenem Haupt. Dann mit immer impulsiverem Begehren, als würde ihr stolzer Körper von einer inneren Kraft gebrochen. Nicht mehr nach oben strebt sie jetzt, sondern nach vorne, zu ihrem Gegenüber.

Überhaupt hat es den Anschein, als würde unter dem Podest ein Magnet eingeschaltet. Zu „Blurred Lines“ kraucht die Truppe geradezu über die Bühne, Modern Dance mit ständigem Bodenkontakt. Nur einem reicht das noch nicht: Heidys Chef Roclan Gonzalez Chavez, Choreograf der Show. Sein Haupt ziert eine rote Baseballmütze, seine Augen – Regenwetter hin oder her – schont eine Sonnenbrille.

„Closed to the ground!“, ruft Chavez Heidy zu und zeigt gleich, was er meint. Ein Gang, der aussieht, als wären Mensch und Boden eins: eine unmögliche und doch so natürliche Bewegung, von Chavez in staunenswerter Lässigkeit aufs Parkett geschleudert.

Tanz ist in Kuba weder Kunst noch Sport. Er ist ganz einfach: das Leben. Man tanzt in Schulen wie in Kindergärten, in Bars wie auf den Straßen. Wer einfach nur herumsteht, fällt auf. Normal ist, sich zu bewegen, sich zu inszenieren – und sei es nur mit dezentem Hüftschwung beim Gang über die Fußgänger ampel. Bewegungswunder wie Roclan Chavez erklären sich aus dieser täglichen Erfahrung.

Warum aber „closed to the ground“? Abseits der Probebühne schiebt Chavez für einen kurzen Moment die Sonnenbrille von seinen Augen. Er blickt den Fragesteller kess an: „That‘s Africa, my friend.“ In Afrika nämlich, da huldige der Tanz noch Mutter Erde, jenem Boden, der die Nahrung und das Leben bringt. Ganz anders als in Europa, wo man in der Renaissance an Fürstenhöfen tanzte statt auf Dorfplätzen. Wo es nicht um Nahrung und Leben ging, sondern um Standesdenken und Machtgefüge: Der Boden war igitt, wer was zählen wollte, trug die Nase möglichst oben.

In Kuba sind diese beiden Ästhetiken aufeinander gestoßen. Zuerst in den Zeiten der Sklaverei, als spanische Zuckerrohrbarone tausende Afrikaner zur Zwangsarbeit auf die Insel bringen ließen. Später dann im Sozialismus, als der große Bruder Sowjetunion mit seiner weltberühmten Ballettschule Maßstäbe setzte.

Wer in Kuba heute professionell tanzen will, lernt entweder den afrikubanischen oder den klassischen Stil. Dabei ist die Aussage „That‘s Africa, my friend“ im multiethnischen Kuba längst nur noch von historischer Relevanz. Ob man afrokubanisch oder klassisch tanzt, entscheidet hier nicht mehr die Hautfarbe, sondern die Vorliebe. Und natürlich: das Talent.

Heidy etwa entstammt einer afrokubanischen Familie. Gelernt aber hat sie den klassischen Stil. „Deswegen“, sagt sie, während sie die Tanzsachen in ihre Tasche packt, „muss ich für die Show jetzt viel trainieren“: üben fürs Tanzen „closed to the ground“.

Ihr Heimweg führt sie nicht weit vom Nationaltheater in ein schmuckes Einfamilienhaus mit Garten. Während draußen der Regen unverdrossen weiter prasselt, serviert drinnen eine stolze Mutter besten kubanischen Kaffee. Und während ihre bewegungssüchtige Tanztochter von einem Bein aufs andere hüpft, erzählt sie, wie das damals war: Als es anfing mit der großen Karriere der kleinen Heidy. Schon damals habe sie im Wohnzimmer so herumgezappelt, sagt Frau García. Mit Handstand, Kerze und Spagat. Ein Freund der Familie kam auf die Idee, sie beim Ballettunterricht anzumelden. Ein guter Einfall, fanden sie alle: der Freund, die Mutter, die Tochter. Heute wissen sie: Sie haben damals das Ende einer Kindheit besiegelt.

„Es war hart“, sagt Frau García. „Nicht nur für Heidy, sondern für die ganze Familie.“ Ein neun Jahre altes Kind, das nach der Schule direkt zum Ballettunterricht geht und erst um halb zehn Uhr abends heimkommt, um dann erst einmal die Hausaufgaben zu erledigen: So hatte sich die Mutter das nicht vorgestellt. Und dann die Dauerdiät. Am Wochenende Cookies für die ganze Familie – nur Heidy musste zuschauen. „Oh ja, das war furchtbar!“, ruft Heidy, während sie hinter ihrem Rücken mit dem ausgestreckten linken Fuß nach der Lehne eines Schaukelstuhls tastet.

In der Tat, das ist hart für ein Kind. Aber für die Familie? „So verstehen Sie doch“, erklärt Frau García. „All die Verwandten, Freunde, Nachbarn. Ihre ständigen Fragen: Und? Wie gut ist deine Tochter jetzt? Schafft sie‘s? Immer wenn Heidy bei öffentlichen Vorstellungen auf der Bühne ihre Pirouetten drehte, habe ich gebetet: Lieber Gott, lass‘ sie bloß nicht umkippen!“

Während ihre Mutter so spricht, ist Heidy ganz ruhig geworden, lauscht andächtig im Schaukelstuhl den Erzählungen über ihr eigenes Leben. Sie habe gar nicht mehr gewusst, wie alles begonnen habe, sagt sie und schlingt nachdenklich ihren linken Arm um den Hals: „Eine richtige Kindheit hatte ich wahrscheinlich nicht.“

Der Abschied naht, doch vor der Haustür hält Frau García inne, als müsse sie noch etwas loswerden. Heute, sagt sie, sei sie stolz auf Heidy: „Nicht nur, weil sie eine gute Tänzerin ist. Sondern, weil sie außerdem auch eine gute Tochter ist.“ Dann öffnet sie die Tür. Draußen scheint die Sonne.

Das Ballet Revolución kommt ins Musical Theater Bremen (Richtweg 7-13). Vorstellungen: vom 2. bis 4. Januar, jeweils um 20 Uhr, am 4. auch um 16 Uhr sowie am 5. um 15 Uhr. Tickets unter anderem in den Geschäftsstellen unserer Zeitung.

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