„Die Römische Octavia“:

„Text, Text, Text, Text, Text!“

Der Darsteller als Dramaturg: Henning Hartmann. ·
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Der Darsteller als Dramaturg: Henning Hartmann.

Hannover - Von Jörg Worat. „Sie erwarten einen Schauspieler“, sagt der Mann auf der Vorbühne des Schauspielhauses, „und vor Ihnen erscheint der Dramaturg.“ Das stimmt so nicht: Vor uns ist ein Schauspieler erschienen, der einen Dramaturgen spielt.

Dies nämlich ist die Grundkonstellation in „Die römische Octavia“, dem neuen Stück von Soeren Voima – hinter diesem Pseudonym verbirgt sich der vielseitige Theatermann Christian Tschirner, der einst auch in Hannover tätig war. Passenderweise als Dramaturg.

Ob es ihm jemals so gegangen ist wie der bedauernswerten Kreatur auf der Bühne? Die soll dem Publikum die Theaterfassung des 7 000-Seiten-Romans „Die Römische Octavia“ von Ulrich Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel näherbringen und hasst diese Aufgabe aus tiefstem Herzen. Zum einen wegen einer ausgeprägten Bühnenangst, zum anderen aufgrund der eigenen Definition des Berufsbilds: Der Dramaturg würde nur durch Vertragsklauseln zu etwas verpflichtet, das eigentlich Aufgabe des Theaterpädagogen sei. Der wisse alles, könne auch alles erklären und entpuppe sich somit als natürlicher Feind des Dramaturgen.

Wie sich herausstellt, ist er nicht der einzige. Da gibt es etwa den Intendanten mit seiner schwachsinnigen Saisonplanung. Und vor allem den Zuschauer, der angesichts der Auswüchse im heutigen Regietheater auf Einführungen angewiesen zu sein glaube, ja, der manchmal die anschließende Vorstellung gar nicht mehr besuchen würde.

Unser Dramaturg hat sich inzwischen endgültig in Rage geredet. Nun ist der Gastregisseur, im Folgenden „Vollidiot“ genannt, an der Reihe, der die schöne „Octavia“ in Grund und Boden zu inszenieren droht. Von Authentizität schwatzt, ohne das Stück auch nur im Ansatz begriffen zu haben, und lieber die privaten Seiten der Schauspieler beleuchtet wissen will. Und überhaupt sind die Regisseure dieser Welt nicht mehr zu retten. Stellen Laien auf die Bühne und machen Tanztheater, wo doch gerade die deutsche Tradition vollkommen textbezogen ist: „Text, Text, Text, Text, Text!“, brüllt der Dramaturg und schlägt sich besessen in die Handfläche.

Seine Laune bessert sich nicht, als ein Pianist erscheint und sich gerade jetzt und gerade hier glaubt einspielen zu müssen. Abgang des Dramaturgen, es öffnet sich der Vorhang, und die Vorstellung beginnt. Sie dauert nur wenige Minuten und besteht daraus, dass sich zu beliebigen und teilweise schmerzhaft grellen Licht- und Toneffekten irgendwelche Gestänge sinnfrei durch die Gegend schieben. Kein einziger Schauspieler tritt auf. Dafür erscheint nach Beendigung der Qual wieder der Dramaturg und bittet zum Publikumsgespräch. Er selbst hat, so stellt sich heraus, nach vorzeitiger Abreise des vollidiotischen Gastregisseurs die Inszenierung gestaltet.

So weit, so lustig, wenn auch der erste Teil des Monologs der amüsantere ist. Henning Hartmann spielt den Dramaturgen wunderbar, blickt zunächst verschüchtert in die Runde, um nachher völlig ausgeklinkt schon mal kreischend in die Zuschauerränge zu klettern. Auch Nick Hartnagels Regie wirkt schlüssig, überzieht die Running Gags wie den Einsatz des Inhalators nicht übermäßig.

Als Rundumschlag durch das deutsche Theaterwesen taugt der Text gut, problematisch könnten bei Inszenierungen in anderen Städten allerdings die vielen hannoverspezifischen Passagen werden. Manche Insidermotive lassen sich sicherlich durch lokale Entsprechungen ersetzen, etwa die Lister Lehrer, die mit ihrer Klugscheißerei angeblich jede Einführung ruinieren, oder der Theaterkritiker, der auch als gefürchteter Restauranttester benannt wird (der Betreffende sitzt übrigens an diesem Abend im Publikum). Aber dass man in Hannover „Schiller ja, Dürrenmatt bestimmt, vielleicht Büchner“ inszenieren könne, aber auf keinen Fall Barock, ist bei aller Überspitzung im Kern durchaus nicht ganz abwegig – und auch nicht ohne Weiteres auf Wien, München oder Berlin übertragbar. Lassen wir bei alledem die dann doch etwas abenteuerliche Behauptung mal beiseite, die einzigen, die in Hannover Barocktheater eventuell zu goutieren wüssten, seien die „Hell’s Angels“…

Nächste Vorstellungen am 25.2. und 6.3., jeweils 22 Uhr. Begrenztes Kartenkontingent.

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