„Scheherazade“: Zauber aus 1001 Nacht im Uferpalast in Oldenburg

Tempo, Strahlkraft, Dynamik

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Überzeugt den Sultan von der Schönheit des Lebens: Adi Hanan als Scheherazade.

Oldenburg - Von Corinna Laubach. Die schöne Scheherazade aus dem Morgenland fasziniert nicht nur den Sultan. Die Märchen wie „Aladdin und die Wunderlampe“ oder „Ali Baba und die 40 Räuber“ der großen orientalischen Geschichtenerzählerin gelten längst als Klassiker der Weltliteratur. Mit ihrer Gabe, wunderbare und abenteuerliche Geschichten erzählen zu können, hat sie der Legende nach seinerzeit ihr Leben gerettet. Disney hat sie verfilmt, auf den Bühnen bis hin zum Musical werden die Weisen aus dem Abendland lebendig gehalten, und auch in der Musik wurde sie verewigt.

Nikolai Rimski-Korsakow komponierte 1888 die sinfonische Dichtung „Scheherazade“. Das Orchesterwerk, in dem der russische Komponist seine Begeisterung für orientalische Klänge auslebte, darf natürlich bei der Uraufführung „Scheherazade erzählt. Aus 1001 Nacht“ im Oldenburger Theaterhafen nicht fehlen. Die Ballett-Compagnie des Staatstheaters verleiht dem großen Zirkuszelt „Uferpalast“ mit wenigen, aber treffsicheren Effekten orientalisches Flair: eine angedeutete Basarlandschaft, ein paar Teppiche, fließende Gewänder. Eine kurze Einführung in die Geschichte folgt aus dem Off vom Band, danach bleibt das Geschehen den Tänzern von Antoine Jully und ihrer Ausdruckskraft sowie der Fantasie des Publikums überlassen.

Gut eine Stunde lang schickt die junge Tänzerin Eleonora Fabrizi in ihrer Erstlingschoreografie Tänzer und Zuschauer auf eine spannungsreiche und ausgesprochen humorvolle Reise ins ferne Morgenland. Die hochsommerlichen Temperaturen, die es bis unter die Zirkuskuppel geschafft haben, tragen unfreiwillig zur Atmosphäre bei. So ähnlich muss es sich angefühlt haben, als Scheherazade Nacht für Nacht dem Sultan Geschichten auftischte und sich damit einen weiteren Tag ihres Lebens erhandelte. In der Oldenburger Fassung heißt der Sultan Schariar (Timothée Cuny) und nicht Schahrayâr wie im Original. Auch gilt es ihn hier nicht zu zähmen und zu besänftigen. Der traurige Sultan soll von der Schönheit des Lebens, der Liebe und der Freude überzeugt werden.

Der anmutigen Scheherazade (Adi Hanna) gelingt dies natürlich – schließlich ist es ein Märchen und die gehen bekanntlich gut aus. Vor allem die vielen kleinen Zuschauer, die direkt am Manegenrand sitzen, dürfen über die Wendigkeit und die grazilen Bewegungen der Schönen in den grünen Pluderhosen staunen. Zumeist sitzt sie mit dem Sultan auf einem gigantischen aufgeschlagenen Buch (Bühne: Antoine Jully) und bewegt die Lippen, reißt die Augen auf, mimt Situationen. Dann wieder bezirzt sie den Mann in federleichten Soli wie Duetten.

Sogar einen Sesam gibt es im Zelt

Von den Tänzern verlangt der Abend nicht nur technisches Können – Elemente des Ballett und Modern Dance dominieren –, sondern auch ungewohnt reichlich schauspielerisches Talent. Es steht ihnen sehr gut zu Gesicht.

Mit Witz, Anmut und Lebendigkeit entstehen wunderschöne, geheimnisvolle Welten in der Manege. Drei Episoden aus bekannten Erzählungen hat Fabrizi gewählt, die sie miteinander verwebt: „Aladdin“, „Ali Baba“ und „Die Geschichte vom Wolf und vom Fuchs“. Nicht selten begeistern die farbenfrohen Eindrücke, die im Handumdrehen auf die kleine „Bühne“ gezaubert werden – gar einen stattlichen, sich öffnenden Sesam hat die Compagnie ins Zelt schaffen lassen.

Was ein paar geschickt eingesetzte Lichtkegel, passende Musikeinspielungen (neben Rimski-Korsakow sind es unter anderem Werke von Debussy, Vivaldi und Grieg) und der Blick für tänzerische Details ausmachen können, zeigt „Scheherazade erzählt“ beispielhaft. Die 55 Minuten sind inhaltlich wie tänzerisch abwechslungsreich gestaltet und choreografisch überzeugend aufeinander aufgebaut. Alle Tänzer finden ihren Raum und ihre Rollen – ganz besonders begeistern Maelenn LeDorze als Fuchs und Gabrune Sablinskaite als Wolf.

Tempo, Strahlkraft und Dynamik der Compagnie nehmen das Publikum von Anfang an mit auf eine kleine mystische Zeitreise. Geglückt wäre die indes auch ohne tropische Temperaturen. Großer Jubel – und große Vorfreude auf eine anschließende Abkühlung am Wasser.

Weitere Vorstellungen: heute, morgen sowie 14., 15. und 21. Juni jeweils um 11.30 Uhr, Uferpalast im Theaterhafen, Oldenburg.

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