Menschliche Liebesmöglichkeiten: Hans Neuenfels entsorgt in Bayreuth Wagners Deutschtümelei

Telramund endet als Ratte Nr. 82

Es geht hier nicht um Transzendenz, sondern um Biologie: Annette Dasch als „Elsa von Brabant“ in Richard Wagners „Lohengrin“.

Werner FritschBAYREUTH (Eig. Ber.) · „Theater ist Unterhaltung“, sagt der Regie-Altmeister Hans Neuenfels (69) – und er macht in Bayreuth Ernst damit. Sein „Lohengrin“, der bei der Festspieleröffnung deutlich mehr Jubel als Buhs erntete, ist eine gigantische Versuchsanordnung. Und auch ein Riesenspaß.

Unter Beobachtung in dem klinisch weißen, hell ausgeleuchteten Großlabor steht der Mensch – als Ratte. Mal schwarz, mal weiß, mal kindlich rosa. Mit langen Pfötchen, transparenten Masken, unter denen die Gesichter erkennbar bleiben, und mit langen Rattenschwänzen. Sie tragen Nummern auf dem Rücken, sind also Masse, und werden von grün gewandeten Laboranten in Schach gehalten.

Eindringliche Bilder entstehen: Wenn die Ratten aus ihren Kostümen schlüpfen, die dann, an Haken gehängt, hochgezogen werden und einen Himmel aus Rattenschwänzen bilden. Oder wenn die als bunte Blumen verkleideten Rattenmädchen sich von den Rattenmännern die Schwänze streicheln lassen.

Klar ist: Es geht hier nicht um Transzendenz, sondern um Biologie. Ab und zu fährt eine Leinwand herunter und verkündet „Wahrheiten“. In Trickfilmszenen, die zeigen, wie Ratten um eine Krone (die Macht) kämpfen, wie sie blind in eine Richtung rennen (in den Krieg) und dabei umkommen. Ästhetisch erinnert das an Art Spiegelmans KZ-Comic „Maus“.

Neuenfels und sein kongenialer Bühnen- und Kostümbildner Reinhard von der Thannen entsorgen in ihrem Rattenlabor dagegen auf elegante Weise Richard Wagners deutschtümelnde und kriegslüsterne Rahmenhandlung. Und wenden sich den Menschen und ihren Liebesmöglichkeiten zu.

Die sind begrenzt, wie sich an den Individuen zeigt, die in menschlicher Gestalt aus der Masse der Ratten heraustreten. Jonas Kaufmann, der sich anfangs mit natürlicher Lässigkeit quasi selbst spielt, ist als Lohengrin die personifizierte Zumutung: „Nie sollst du mich befragen.“ Neuenfels deutet sie als Chance, sich von Konventionen zu befreien – und lässt alle an diesem Anspruch scheitern.

Der angstneurotische König Heinrich (Georg Zeppenfeld) – eine Null. Telramund (Hans-Joachim Ketelsen) – ein fremdgesteuerter Ehrgeizling, der als Ratte Nr. 82 endet. Elsa, „die Reine“ (Annette Dasch), tritt anfangs als pfeildurchbohrte Schmerzensfrau auf. Als Zerrissene zeigt Neuenfels sie in den großen Dialogszenen. Ortruds (Evelyn Helitzius) schwarzer Hass wird zum dunklen Spiegelbild ihrer Liebe. Ein Kuss deutet die gegenseitige Anziehung an. Quälend, wie Elsa und Lohengrin dann rund ums weiße Ehebett um ihre Liebe ringen. Doch Lohengrins Absolutheitsanspruch ist Elsa nicht gewachsen.

Da fährt aus dem Bett das sargähnliche Boot, das Lohengrins Ankunft begleitete – doch vom Schwan sind nur die Federn übrig. Er ist nicht mehr als eine Projektionsfläche: Mal stolzer Vogel, mal gerupftes Tier, Wohnungsschmuck oder Wappentier. Am Ende entsteigt seinem Riesenei ein Fötus und zerreißt seine Nabelschnur. Eine nächste Generation kommt – das Experiment geht weiter.

Mit Neuenfels‘ „Lohengrin“-Inszenierung ist ein neuer Bayreuth-Star geboren: Jonas Kaufmann. Sein Debüt auf dem Grünen Hügel in der Hauptrolle wurde zum Triumph. In zartestem Piano setzt die Partie ein: „Nun sei bedankt, mein lieber Schwan!“ So locker und sicher, wie Kaufmann diese ersten Töne setzte, so souverän bewältigte er die ganze Partie. Nicht als Kraftprotz, sondern mit elegantem, fast italienisch anmutendem Wagner-Gesang. Ein strahlend heller Tenor, offen bis in höchste Lagen – und eine charismatische Bühnenerscheinung. Nicht ganz so frei, doch mit berührender Intensität und reichem Timbre sang Annette Dasch die Elsa. Ihr Gegenbild, Ortrud, verkörperte Evelyn Herlitzius mit einer expressiven Stimmgewalt, die auch mal die Grenzen des Wohlklangs sprengte – und neben Beifall auch Buhs provozierte.

Georg Zeppenfelds Bassgewalt ließ König Heinrich stimmlich alles andere als labil erscheinen. In Samuel Youn hatte er einen kraftvollen Heerrufer. Als Schwachpunkt erwies sich Hans-Joachim Ketelsens stimmlich etwas unstabile Telramund.

Der 31-jährige lettische Dirigent Andris Nelsons war vorab schon als neuer Star gepriesen worden. Doch wirkte manches an diesem Abend noch unausgegoren. Auf den sehr langsamen Beginn, dessen sphärische Klänge fein erstrahlten, folgten teils sehr rasche Tempi – so auch beim ziemlich geschwinden Brautchor „Treulich geführt“. So verständlich Nelsons’ Drang zur Pathos-Vermeidung ist, sie führte gelegentlich zu Ruppigkeiten, an denen auch der Festspielchor beteiligt war.

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