In „Displace“ gelingt Johanna Diehl der Spagat zwischen Kunst und Politik

Tauben, Dreck und Kirchen

Früher christlich-orthodoxe Kirche, heute Moschee – nicht nur Menschen können vertrieben werden.

Von Mareike BannaschOLDENBURG (Eig. Ber.) · Vor dem Altar liegt Taubenscheiße. Keine Kirchenbänke, stattdessen Müll, Geröll und Dreck. Aber keine Angst, es stinkt nicht: Der Taubenwohnsitz ist nur Teil der Ausstellung „Displace“, die jetzt im „bau_werk“, dem Oldenburger Forum für Baukultur, zu sehen ist.

Der Konflikt in Zypern ist undurchsichtig, seine Reduktion auf Gotteshäuser gewagt. Johanna Diehl fasst in ihren Werken geschichtliche, kulturelle und politische Themen zusammen. Und geht dabei einen schwierigen Weg, wählt Fotografien von Kirchen und Moscheen als Symbole für Vertreibung und Untergang.

Bilder umgestürzter Kirchenbänke lassen erahnen, wie ein abrupter Verlust der Heimat aussehen muss. Mit gemischten Gefühlen blickt der Betrachter auf neu gestaltete Moscheen, die in den verlassenen Kirchengebäuden ein Zuhause gefunden haben. Zwar rettete dieses „Ersetzen“ die Kirchen vor dem Verfall. Doch kann man wirklich von einer Rettung sprechen? Diesem Widerspruch nähert sich Diehl auch mit dem Titel der Ausstellung „Displace“ an. Ein Paradoxon an sich, bedeutet der Begriff doch sowohl „vertreiben“ als auch „ersetzen“.

Die abgedeckten Ikonen, dank Diehls Blick fürs Detail auf jedem Bild erkennbar, sind ein bildlicher Beweis dafür, dass eine Koexistenz des christlichen und muslimischen Glaubens unmöglich scheint. Überhaupt gewinnt der Besucher der Ausstellung den Eindruck, dass die türkischen Besatzer des Nordens weit weniger pfleglich mit den Glaubensorten der Vertriebenen umgegangen sind als ihre griechischen Kontrahenten.

Die Bilder der Moscheen aus dem heute rein christlichen Süden des Landes wurden in dichter Reihung gehängt. Sie zeigen ein völlig anderes Bild. Ein Gefühl der Wartestellung auf eine Wiedervereinigung schwingt in ihnen mit. Wenngleich sie auf den ersten Blick nicht so baufällig wirken wie ihre leer stehenden südlichen Nachbarn, so sind es auch hier kleine Details, welche die Vernachlässigung seitens der christlichen Mehrheit zeigen. Allerdings sind diese nur dem religiös bewanderten Besucher ein Begriff. Nur wenige wissen, dass Moscheeböden besonders sauber sind: Muslime beten barfuß.

Dies ist jedoch nur ein kleiner Schwachpunkt der sonst durchdachten Ausstellung. Die großformatigen Bilder der christlich-orthodoxen Kirchen im Norden zeigen den Gegensatz zu den Moscheen im Süden auch bildlich. Eine Detailschärfe und mitunter der Sinn fürs Abstruse, siehe den Taubendreck, heben Diehls Werke von gewöhnlicher Fotografie ab. Außerdem gelingt ihr mit den ausgestellten Bildern der Spagat zwischen Kunst und Politik. So wird dem Besucher das erste Mal klar, dass von vertriebenen Menschen immer ein Stück ihrer Kultur, in diesem Fall die Religion, zurückbleibt. Keine der beiden Religionsgruppen ist dauerhaft vertrieben worden – eine Ansicht, die nicht jeder Zyprer teilt.

Durch die Kunst gelingt es Johanna Diehl, mit dem Finger auf den seit 35 Jahren andauernden Konflikt zu zeigen und fernab der Nachrichtensendungen eine Aufmerksamkeit für die Lage in Zypern zu erzeugen. Die Parallelen zur Geschichte ihrer Wahlheimat Berlin sind dabei kein Zufall.

Nach der Zukunft der verlassenen Gotteshäuser gefragt, sieht Diehl dann auch nur eine Möglichkeit: „Eine Vereinigung ist das einzige, was Land und Leuten hilft.“ Mit der Bewerbung der Türkei um eine EU-Mitgliedschaft dürften die Chancen dafür so gut wie schon lange nicht mehr sein.

Die Ausstellung in Kooperation mit dem Kunstverein Oldenburg ist noch bis zum 28. August jeweils Dienstag und Freitag von 15 bis 18 Uhr zu sehen.

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