„Dancing Roads“ eröffnet mit „Anticorpi“ von Roberto Zappalà

Tanz viral

„Dancing Roads“: Tanz geht viral. - Foto: Alfredo Anceschi

Bremen - Von Jens Laloire. Nebel liegt über der Bühne, und es ist dunkel, als sich die Eingangstür ein wenig öffnet und ein nackter Mann in den Saal schlüpft. Mit einer Hand sein Geschlecht verdeckend steht er verlegen auf der Bühne. Keine zwei Meter von ihm entfernt ist ein Mikrofon aufgebaut, das allerdings ins Licht eines einzelnen Scheinwerfers getaucht ist.

Windend versucht sich der Nackte dem Mikrofon zu nähern, doch es führt kein Weg daran vorbei, dass er ins Licht treten muss, wenn er ans Mikro will. Leicht gebeugt krümmt er sich im Lichtkegel über das Mikro und beginnt mit brüchiger Stimme leise zu singen. Allmählich hört man die Marseillaise heraus, als die Stimme lauter wird, der Sänger selbstbewusster – so selbstbewusst, dass er schließlich jene Hand zum Gruß hochreißt, die bisher sein Geschlecht verdeckt hat; doch zu sehen bekommt man davon nichts, denn genau in diesem Augenblick geht das Spotlight aus.

So beginnt „Anticorpi“, eine Inszenierung des italienischen Choreografen Roberto Zappalà mit seiner sizilianischen Kompanie, die am Samstag in Bremen das Festival für internationale Tanzkunst „Dancing Roads“ eröffnet hat. Organisiert vom Bremer Steptext Dance Project zeigt das Festival bis zum 22. November drei weitere internationale Ensemblestücke in der Schwankhalle. Mit den Gastspielen wolle Steptext ganz bewusst die Internationalität der Tanzkunst betonen, nicht zuletzt um dem verbreiteten Fremdenhass etwas entgegenzusetzen, so die Dramaturgin Anke Euler bei ihrer Eröffnungsrede.

Mit „Anticorpi“ feierte das Festival einen gelungenen Auftakt. Nach der leicht slapstickhaften Einstiegsszene nimmt das Stück rasch Fahrt auf und bietet etliche famose Tanzeinlagen. Nach und nach erobern die Mitglieder des jungen Ensembles die Bühne, die vorerst nur in schwaches blaues Licht getaucht ist. Die drei weiblichen und vier männlichen Tänzer – fast alle in schlichte Shorts und bunte Unterhemden, Shirts oder Blusen gekleidet – nutzen sofort den kompletten Raum. 

Während eine Tänzerin im Hintergrund von zuckenden Bewegungen ergriffen wird, tanzt eine weitere im Vordergrund ein stilles Solo am Boden, derweil die männlichen Tänzer in die Mitte des Raums vorstoßen. Berührungen zwischen den Tänzern gibt es dabei keine einzige in den knapp 60 Minuten, die das Stück dauert. Nicht umsonst heißt die Arbeit von Zappalà „Anticorpi“, also Antikörper. Wobei sich dieser Titel in erster Linie auf die Ausgangsidee bezieht: Zappalà ließ sich bei seiner Choreografie von viralen Prozessen und mikrobiologischen Beobachtungen inspirieren.

Gezielte Wechsel zwischen Chaos und Ordnung, zwischen synchronen und asynchronen Bewegungsabläufen bestimmen den Abend, in dem verschiedene Tanzstile aufblitzen. Von subtilen, abstrakt gestalteten Soli über kraftvolle Sprung-Abroll-Einlagen und Gruppenchoreografien ist alles dabei. Auch eine kurze Balletteinlage gestaltet das Ensemble präzise, jedoch so überzogen, dass sie eine feine Komik entfaltet.

Eine zentrale Rolle kommt neben dem geschickt eingesetzten Licht der Soundcollage des Musikers Salvo Noto zu. Anfangs bestimmt dumpfes, tiefes Röhren die Atmosphäre, doch zwischendurch flackern immer wieder Klänge von Bach, Vivaldi oder Paganini auf. Die meiste Zeit indes verstärkt die elektronische Soundkomposition die Wirkung der Bewegungsabläufe, gibt den Rhythmus vor, wenn die Bewegungen einer einzelnen Tänzerin plötzlich überspringen zu anderen Tänzern, sie anstecken, sodass sich schließlich alle gemeinsam als geschlossene Gruppe synchron bewegen.

Viel Applaus gab es vom Publikum für „Anticorpi“, das neugierig macht auf die weiteren Gastspiele im Rahmen des Festivals, mit dem Steptext seit über zehn Jahren regelmäßig herausragende aktuelle Tanzproduktionen aus aller Welt nach Bremen holt. Nach dem Tanzfilm „Mr. Gaga“ morgen Abend geht es am Freitag weiter mit der deutsch-türkischen Produktion „Basmala – Freund oder Feind“ des Regisseurs Neco Çelik. 

Das Stück thematisiert die Vorurteile und Erwartungen, mit denen muslimische Männer konfrontiert sind. Um maskuline Rollenbilder geht es auch zwei Tage später in „Sons of Sissy“ des Österreichers Simon Mayer. Dieser bringt darin mit einer ordentlichen Portion Selbstironie Männlichkeitsrituale und Volksmusik zum Tanzen. Am Dienstag in einer Woche klingt das Festival mit einer brasilianisch-niederländischen Produktion aus. In „M“ inszeniert Samir Calixto Nietzsches „Also sprach Zarathustra“ zur Musik von Gustav Mahler als Tanzstück.

www.steptext.de

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