Eine überarbeitete und eine neue Choreografie von Emanuel Gat hatten in Bremen Premiere

Tanz trifft Töne

Sunju Kim, Magali Sander Fett und Jae Won Oh in Emanuel Gats „Trotz“.

Von Rainer BeßlingBREMEN · Der Auftakt könnte auch als eine Anleitung für das Publikum verstanden werden. Die Tanzenden schreiten die Bühne ab, bilden Gruppen, zeigen sich in ihrer Individualität, bilden korrespondierende Figuren, lösen Konstellationen wieder auf, stecken Räume und Linien ab.

So allgemein ließe sich Tanz häufiger beschreiben. Bei Emanuel Gat aber ist alles anders. Seine Choreografie „Trotz“ verzichtet zu Beginn auf das, was als untrennbar mit dem Tanz verbunden gilt: auf Musik. Damit stehen die Bewegungen und Haltungen für sich im Raum und in der Zeit. Damit folgt der Tanz nicht musikalischen Verläufen, schließt sich nicht an deren Klang und Dynamik an. Die Körper selbst sind das Material, aus dem sich Formen bilden und Prozesse entwickeln.

Das mag abstrakt klingen, im Ergebnis sind die Choreografien des Israeli in höchstem Maße konkret und in ihrer eigenen Wirklichkeit von großer sinnlicher Kraft und Magie. Uniforme Kostüme machen die Akteure zu gleich berechtigten Elementen der Komposition. Zugleich treten mit der physischen Präsenz und der Bewegung aber die Eigenschaften hervor, die das Individuum am prägnantesten kennzeichnen. So sind die Körper hier wie Töne zugleich abstrakte Form und konkreter Körper, und im Verlauf des tonlosen Präludiums beginnt das Auge, die Bewegungen zu sehen wie das Ohr Musik hört. Mal scheint sich ein Rhythmus oder eine Harmonie wie in einer parallelen Spur abzuzeichnen, meist aber wird die Choreografie Partitur, und zwar nicht als Aufführungsanweisung, sondern als Bühnenergebnis.

Wenn dann in Gats „Trotz“ doch die Musik beginnt, könnte sich der Zuschauer in die Autonomie des Tanzes bereits eingesehen haben und Bachs Motette „Jesu meine Freude“ als einen Dialogpartner in anderer Rolle verstehen. Die Wahrnehmung bleibt zwischen Tanz- und Tonspuren auf dem Weg. Die Musik wirkt wie eine Folie, vor der die Bewegungen und Begegnungen der Tanzenden melodischen und rhythmischen Ausdruck bekommen. Die Bachsche Kunst der Entbindung dramatischer Konflikte und emotionaler Tiefe aus strenger Struktur und Komplexität erscheint zugleich als Echo und Impuls der Choreografie.

Verstand Bach seine Musik auch als Dienst am Wort, schuf er eine Sprache jenseits der Reichweite von Text. Die Kraft einer eigenen Stimme und einer eigenen Formlogik vermittelt auch Gats Tanzsprache. Und auch hier entstehen aus Formverläufen dramatische Momente, lassen Reibungen und Brüche in den Körperkonstellationen Konflikte und Grenzsituationen, Visionen und Abgründe erkennen.

Die in höchstem Maße überzeugenden Akteure des Bremer Tanztheater-Ensembles blenden einzelne psychologisierende oder illustrierende Gesten aus, vielmehr entwickeln sie in der Konzentration auf Kontrast und Variation das dramaturgische Potenzial. Unter dem großen Bogen einer variantenreichen Gesamtstruktur mit großen Formationen, ausdrucksvollen Soli und hinreißenden Duetten vollzieht sich die Umkreisung von Suche und Fund formal und zugleich wie ein Bild für Lebensspur und Welterkundung. Mit jeder neuen Runde und Variation nehmen die Tanzenden und der Betrachter mehr mit und das Geschehen neu wahr. Wie in der Musik ist in der finalen Wiederholung alles gleich und alles anders.

Neben „Trotz“, gegenüber der vor drei Jahren in Bremen uraufgeführten Version nur leicht verändert, präsentierte Gat jetzt mit „The revised and updated Bremen structures“ ein Stück, indem seine eigene Musik klingt. Mit ihrer Trainingskleidung sind die Tanzenden bereits äußerlich mehr im Hier und Jetzt angekommen. Ihre Bewegungssprache trägt noch mehr den Charakter des Bruchstückhaften im besten Sinn, das Fragment verstanden als ein Kennzeichen der Moderne, die Suche nach einem Zusammenhang als Dauerherausforderung an den Menschen der Gegenwart. In der Musik vollzieht sich die Pendelbewegung zwischen Aufscheinen und Verschwinden von Form, vom Formulierung und Revision in hohen Geräuschanteilen und mikrotonalen Prozessen parallel. Auch wenn alles formbezogen ist, auch wenn es um Material und Struktur geht, ist die Kunst des Komponisten und Choreografen Emanuel Gat ganz nah an der Lebenswelt, an der inneren Realität des Menschen. Auch im wahren Leben geht es um Gestaltung, um eine möglichst autonome.

(Morgen hat das Stück am Oldenburgischen Staatstheater Premiere.)

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