Weserburg Bremen feiert 20-jähriges Bestehen mit „Farbe im Fluss“

20 Jahre Weserburg: Tanz den Pollock

Der Kurator inmitten seiner Kunst: Peter Friese zwischen Werken von Thomas Ruff und Ai Weiwei (vorne).

Bremen - Von Rainer Beßling. Dass die Pressevertreter diesmal nicht pausenlos an den Lippen des Kurators hängen, liegt in einer Deckeninstallation begründet. Aus einem schräg verankerten Fass schiebt sich eine schwarze Masse schwerkraftgemäß in Richtung Getränke und Gebäck.

Angst ist allerdings unbegründet. Trotz der nicht unbedingt kurzen Veranstalter-Kommentare zur neuesten Ausstellung in der Bremer Weserburg ist zum Abschluss der Pressekonferenz kaum eine Bewegung des Bitumens zu bemerken. Bis dieser den Boden erreicht, dürfte noch einige Zeit vergehen. Dann wird es allerdings interessant sein zu beobachten, wie sich der Teer verhält und welche Formen er ausbildet. Damit ist K.H. Hödickes Werk namens „Kalter Fluss“, im Jahr 1969 erstmals auf den Weg gebracht, beispielhaft und passend für die aktuelle Schau auf dem Teerhof. „Farbe im Fluss“ heißt die von Peter Friese kuratierte, ambitionierte Ausstellung. Für das „Museum im Fluss“, wie sich die Einrichtung nicht nur aufgrund der Lage gern selbst nennt, ist es das angemessene Jubiläumsprojekt. 20 Jahre wird das Sammlermuseum in diesem Monat alt.

In jüngerer Zeit hat vor allem ein lokales Bremisches Printmedium versucht, die Kunstburg sturmreif zu schießen. Durch mäzenatische Zuwendungen, den einträglichen Verkauf eines Bildes und eine neue kaufmännische Geschäftsführung zeigt sich das Haus jedoch aktuell in eher sicheren Gewässern. Mit „Farbe im Fluss“ kann die Weserburg nun selbstbewusst ihre Stärken zeigen. Viele aktuelle und auch ehemalige Sammler, die mit dem Haus verbunden sind, haben bedeutende Arbeiten zur Verfügung gestellt. Pollock, Morris Louis, Warhol, Richter, Polke und entdeckenswerte jüngere Künstlerinnen und Künstler sind in der Präsentation vertreten.

Eine Ankerrolle und wichtige Referenzposition vertritt darin Jackson Pollock. Der Amerikaner gilt mit seinem Action Painting und seinen Dripping-Bildern als Legende auf dem Feld der fließenden Farbe. Mit größtmöglicher, durch keinerlei Kopfarbeit gestörte Nähe zwischen Leib und Leinwand suchte Pollock den unmittelbaren Ausdruck. Drogenbefeuert und in tänzerischen Bewegungen spritzte, kippte und träufelte der Maler die Farbe auf das Bild und sicherte sich damit seinen Rang als Übervater des Abstrakten Expressionismus.

Wo Pollock ist, sind auch dessen Gegner und Fans nicht weit. Andy Warhol hat aus seiner Abneigung gegen die gestische Malerei im Amerika der Nachkriegsjahre nie einen Hehl gemacht. Der Pop-Artist nahm seine Aufgabe, die ältere Kunst-Riege anzupinkeln, wörtlich. So findet Pollocks Dripping eine Fortsetzung mit anderen Mitteln. Ob man darin nun Demütigung oder Geschmacklosigkeit sieht, Pollock lebt auch in Pollocks Pinkelbildern weiter. Seine Bedeutung wird nicht geschmälert, sondern gefestigt.

Eine Art Pollock-Hommage performt Patty Chang in ihrem Video „Fan Dance“. Farbe spritzt über einen Ventilator auf den Körper der Künstlerin. Hier mutiert der Leib zur Leinwand, nicht Entäußerung wird exerziert, sondern eine Anlagerung von Farbmaterie, die Verwundungen und Verletzbarkeit assoziieren lässt.

Wer bislang dachte, dass mit Pollocks Dripping der Farbfluss einsetzte, wird durch die Bremer Ausstellung eines besseren belehrt. Es war, so Kurator Peter Friese, Max Ernst, mit dem die Farbe das Laufen lernte. Zugleich wird in der Gegenüberstellung des Abstrakten Expressionisten mit dem Surrealisten ein grundlegender Unterschied in Ansatz und Interesse deutlich. Geht es Pollock mit dem Fließenlassen der Farbe um spontanen Ausdruck und Geste, sieht sich Ernst als Beobachter der Eigenbewegungen und Strukturbildungen von Farbmaterie.

Dieser forschende Blick auf die Farbe im Fluss trifft auf die allermeisten ausgestellten Positionen zu. Je nach Zeit und Kontext verschieben sich die Akzente, dem einstigen Träger von Abbild und Ausdruck ein Eigenleben zu gönnen, umtreibt Künstler aber offenbar ungebrochen. Minimalistisch im Zusammenspiel der Farbe mit Freiraum und Licht, als sanfte Bewegung der Fläche wie bei Morris Louis und Sam Francis oder auch Ceal Floyer. Ironisch kommentierend bei Polke, erhaben bei Richter und Ruff, spielerisch experimentell bei André Thomkins, im Verzicht auf den klassischen Bildträger bei Rainer Splitt und Katharina Grosse.

Wenn auch Ai Weiweis Bodenarbeit „Oil Spills“ mit glatten, glänzenden Oberflächen auf den ersten Blick ästhetischen Reiz vermittelt, liegt der kritische Impuls doch nahe. Was da breit auslaufend tropft, gefährdet nicht nur die Natur, sondern ist weltweit auch Treibsatz für kriegerische Konflikte.

Ausdrücklich als politisches Manifest versteht der Argentinier Nicolás Uriburu seine Aktion „Green Bremen“. Heute ab 14 Uhr soll dabei die Weser grün anlaufen, als Fanal gegen die Umweltgefährdung. Verwendet wird das Färbemittel Uranin, „für Mensch und Natur unbedenklich“, wie das Museum versichert.

Schon mal wurde die Weser aus künstlerischen Motiven eingefärbt. 1998 gönnte Olafur Eliasson dem Fluss eine andere Farbe als das sonst übliche Graugrün. Uriburu färbte bereits 1968 den Canal Grande anlässlich der 34. Biennale von Venedig grün. Nicht das schlechteste kunsthistorische Bett, in das die Weser nun gelegt wird. Der Anlass zum ökologischen Fingerzeig ist nicht geringer geworden.

Farbe im Fluss. Weserburg, Bremen, Teerhof 20. 10. September 2011 bis 29. Januar 2012. Eröffnung und Jubiläumsfest heute 18 Uhr. Farbaktion Green Bremen heute 14 Uhr. Katalog.

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