„Spektrum“ lädt im Theater Bremen zum Spiel mit dem Licht

Tanz bis es hell wird

Licht und Schatten: Gemeinsam mit Urbanscreen bringen Máté Mészáros und Unsual Symptoms eine Inszenierung auf die Bühne. Foto: landsberg

Bremen - Von Mareike Bannasch. Irgendwann bricht es aus ihnen heraus. Wieder und wieder werfen sie sich gegen die Wand. Werden vom Aufprall nach vorne geschleudert und versuchen es gleich noch einmal. Bevor es richtig wehtut, befreien sich die drei Tänzer aber von ihren Dämonen – und finden in weniger gewalttätige Bewegungsmuster.

Mit „Next to me“ war Máté Mészáros bereits 2016 am Theater Bremen zu Gast, nun ist im Kleinen Haus seine Choreografie „Spektrum“ zu sehen. Eine strahlend helle Mischung aus Performance, Tanz und Projektion, die nicht nur dem Ensemble Unusual Symptoms einiges abverlangt, sondern auch dem Publikum. Denn dieses Gesamtkunstwerk ist nur schwer zu fassen, changiert thematisch irgendwo zwischen körperlicher Grenzerfahrung, (Alb)traumsequenz, Licht- und Schattenspiel. Rund um den Titel des Stückes arbeiten sich die acht Tänzer des Hauses mal allein, mal zu zweit, mal in der Gruppe durch assoziativ anmutende Bewegungsabläufe. Erinnern mit ausladenden Armbewegungen an Kinder, wenn sie fliegende Vögel nachahmen. Machen sich mit Hip-Hop-Elementen das Areal zu eigen. Oder klettern aufeinander gestützt die Wand hoch.

Überhaupt die Wand: Dort spielt sich das Herzstück dieser Inszenierung ab – und das ist eben nicht die Choreografie. Nein, herausragendes Merkmal von „Spektrum“ ist eine beeindruckende Lichtinstallation aus dem Hause Urbanscreen. Jenem Bremer Künstlerkollektiv, das bereits im In- und Ausland Gebäude mit Projektionen zum Leben erweckt hat.

Im Kleinen Haus des Bremer Theaters hatten es Till Botterweck und Ana Romão allerdings mit anderen Aufgaben zu tun: Nicht weniger als einen Raum aus Licht sollten die beiden schaffen. Und das ist ihnen gelungen. Ausgehend von einer Wand und dem Boden davor schaffen die beiden eine Art White Cube, der allerdings nicht lange weiß bleibt. Wieder und wieder mischen sich bunte Farben ins Geschehen oder fallen von beiden Seiten Schatten ein, die die Tänzer zu verschlucken drohen.

Dieses Lichtspiel ist nicht nur schön anzusehen, es liefert dem Ensemble auch den erzählerischen Rahmen für den Abend. So kämpfen sie mal aggressiv gegen die mächtigen Schatten, zucken aufbäumend im Flackern der Scheinwerfer, nur um wenig später mit einigen reduzierten Handbewegungen das Licht zu leiten – auf dass es wieder hell werde.

Dass all dies ausgesprochen organisch passiert, liegt auch an der Kleidung der acht (Kostüme: Anna Lena Grote). Von rosa über gelb bis hin zu schwarz spiegeln sie die Farben der Installation, schimmern im Licht oder sind wohltuender Kontrast zum drohenden Dunkel. Dies gilt übrigens auch für eine silberne Decke, die ein wenig an jene flatternden Dinger erinnert, die in jeden Verbandskasten gehören. Im Theater Bremen breitet sie Nóra Horváth bereits in der ersten Szene auf dem Boden aus, greift mit der Hand in den Stoff, zieht ihn langsam zusammen. Eigentlich nichts besonderes, doch dank der Reaktion mit dem gleißenden Licht verschwimmen die stofflichen Grenzen. Und aus der einfachen Decke wird ein waberndes dreidimensionales Konstrukt, das sich in einer Super-Zeitlupe auf dem Boden bewegt – und einmal mehr die Sinne herausfordert.

Genauso wie die live eingespielte Musik. Oftmals zwischen dumpfem Grollen und mechanischem Stampfen angesiedelt, bildet sie den Beat zu dem, was sich da vor den Rängen abspielt. Und während dieser Soundteppich von Aaron Porteleki durchaus zum geheimnisvollen Mantel des Abends passt, gerät er vor allem in der letzten Sequenz, als das Schlagzeug aus den Tiefen der Zuschauertribüne hämmert, so laut, dass man möchte, dass es endlich aufhört.

Das gilt zum Glück nicht für den restlichen Abend, der das Publikum zwar immer wieder herausfordert, aber vielleicht gerade deswegen vor allem eins ist: beeindruckendes Tanztheater.

Sehen

Die nächsten Vorstellungen sind am 31. Oktober, 18.30 Uhr, 13. und 20. November, 20 Uhr sowie am 12. und 21. Dezember, 20 Uhr und 26. Dezember, 18.30 Uhr, Kleines Haus, Theater Bremen.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Blamage für Hongkonger Regierung: Vermummungsverbot gekippt

Blamage für Hongkonger Regierung: Vermummungsverbot gekippt

Unwetter in Österreich: Mann stirbt nach Erdrutsch

Unwetter in Österreich: Mann stirbt nach Erdrutsch

Wie sich Bahnreisende selbst in Gefahr bringen

Wie sich Bahnreisende selbst in Gefahr bringen

Brechts New Yorker Schokoladen-Stücke

Brechts New Yorker Schokoladen-Stücke

Meistgelesene Artikel

Wahn und Wirklichkeit

Wahn und Wirklichkeit

„Blechtrommel“ in Bremerhaven: Grass-Klassiker als gut geöltes Bildertheater

„Blechtrommel“ in Bremerhaven: Grass-Klassiker als gut geöltes Bildertheater

Keine Sonne, keine Pinguine

Keine Sonne, keine Pinguine

Bremer Philharmoniker: Inspirierender Beitrag zur Geschichte der Sinfonie

Bremer Philharmoniker: Inspirierender Beitrag zur Geschichte der Sinfonie

Kommentare