Eigenwillige Version 

Festival "Tanz Bremen" mit Strawinsky-Interpretation eröffnet

Bremen - Während Politiker über Abschottung und Flüchtlingsobergrenzen diskutieren, setzen Choreografen aus Kanada, Frankreich, Ungarn, der Schweiz, Deutschland, dem Senegal und Südafrika beim Festival "Tanz Bremen" bis zum 24. März auf Offenheit und Vielfalt.

In Marie Chouinards eigenwilliger Interpretation von Igor Strawinskys "Le Sacre du Printemps" (Frühlingsopfer) werden die Tänzer zu Instrumenten für die Musik. Mit grenzenloser Vitalität. Mal gehen sie mit gelben Krallen aufeinander los, dann bewegen sie sich stereotyp wie auf einem Laufband oder scheinen wie Unterwasserpflanzen zum Licht zu wachsen. Mit dieser Inszenierung ist am Freitag im Theater am Goetheplatz das internatinale Festival "Tanz Bremen" eröffnet worden.

Aus dem Thema der Opferung eines jungen Mädchens an den Gott des Frühlings hatte die kanadische Choreographin Chouinard bereits 1993 eine Hymne an das Leben gemacht. Seitdem tourt ihr Stück um die Welt. Das Bremer Publikum feierte die rasanten Soli der nur mit schwarzem Slip bekleideten Tänzer auf minimalistischer Bühne mit langem Applaus.

Im zweiten Teil des Eröffnungsabends ließ Chouinard ihre Tänzer auf die im Hintergrund projizierten abstrakten Tuschezeichnungen und Kleckse eines belgischen Künstlers reagieren. Haare fliegen, zehn Tänzer springen, rennen, drehen sich auf dem Boden in atemloser Geschwindigkeit. Düstere Musik treibt sie an, stroboskopisches Licht verfremdet einzelne Szenen, bis die ersten Zuschauer die Augen schließen, einige halten sich die Ohren zu.

Tänzer setzten in Bremen auf Freiheit 

"Tanz Bremen will anregen und aufregen", sagt Festivalleiterin Sabine Gehm zu Beginn dieser 20. Ausgabe des Festivals. "In Zeiten von Populismus und Abschottung setzten die Tänzer auf Freiheit im Ausdruck, auf Offenheit im Denken und Neugier auf Unbekanntes."

Zu den internationalen Tanzstars gehört diesmal Kader Attou, ein Franzose mit algerischen Wurzeln. In seinem "Opus 14" geht es um das Gefühl von Gemeinschaft und die Angst vor Ausgrenzungen. 16 Tänzer erzeugen traumähnliche Bilder voller Geschwindigkeit und Energie.

Identität und Erinnerung sind am Donnerstag (23.) auch Thema der senegalesischen Choreographin Germaine Acogny, die als Mutter des zeitgenössischen afrikanischen Tanzes gilt. Ihre Deutschlandpremiere "Somewhere at the Beginning" setzt sich mit der kolonialen Vergangenheit ihres Vaters auseinander und mit ihrer Großmutter, einer Voodoo-Priesterin.

Helena Waldmann will am Freitag (24.) die Mauern in den Köpfen der Menschen aushebeln: Die deutsche Choreographin lässt Akrobaten und Tänzer aufeinander treffen. 20 eigens für die Bremer Aufführung gecastete Laien bilden auf der Bühne eine lebendige Mauer. Der Titel: "Gute Pässe, schlechte Pässe - eine Grenzerfahrung".

Motor des seit 1989 stattfindenden Festivals sind auch bei dieser Ausgabe von "Tanz Bremen" die neuesten Produktionen der Bremer Szene. Gregory Maqoma aus Johannesburg und Helge Letonja aus Bremen ergründen am Mittwoch (22.) in ihrer Gemeinschaftsarbeit "Out of Joint" ihre kulturellen Hintergründe, um daraus ein neues Vokabular zu entwickeln.

dpa

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