Was macht den „Boss“ so attraktiv?

Eine Spurensuche beim Springsteen-Fantreffen

Regina (58) aus Ahrensburg freut sich, beim Fan-Treffen in Hamburg dabei zu sein und dabei den Singer/Singwriter Olli Heinze aus Schwerte zu hören. Er covert viele Springsteen-Songs. - Fotos: Menker
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Regina (58) aus Ahrensburg freut sich, beim Fan-Treffen in Hamburg dabei zu sein und dabei den Singer/Singwriter Olli Heinze aus Schwerte zu hören. Er covert viele Springsteen-Songs.

Hamburg - Von Guido Menker. Er steht seit mehr als 40 Jahren auf der Bühne, hat weit mehr als 100 Millionen Platten und CDs verkauft und gerade erst Hillary Clinton im US-Präsidentschaftswahlkampf unterstützt.

Und jetzt erklimmt er mit seiner Autobiografie „Born to Run“ auch noch die Spitzenpositionen in den Bestsellerlisten vieler Länder. Was macht den US-Rockmusiker Bruce Springsteen so außergewöhnlich, so attraktiv? Auf der Suche nach Antworten ist es am besten, sich unter die zu mischen, die den 67-Jährigen auch zu einem der kommerziell erfolgreichsten Vertreter seiner Branche haben werden lassen: seine Fans.

Vor dem Eingang des „Titanic“, einem Irish-Pub an der Stresemannstraße in Hamburg, stehen sie schon früh am Abend bei einer Zigarette zusammen und erinnern sich an die Auftritte, die sie vom „Boss“ in den zurückliegenden Jahren besucht haben. Sie fliegen dafür nach New York, Philadelphia, London und Dublin, sie fahren mit dem Auto nach Berlin, Frankfurt, Mönchengladbach, München oder Mailand – nur um Springsteen live zu erleben. 

Hohe Kosten

Otto Hahlbohm kommt aus Kiel und organisiert das Fan-Treffen.

Der finanzielle Kraftakt eines jeden Einzelnen ist erheblich. Das Ticket kostet rund 100 Euro, hinzu kommen Sprit- und oft auch noch Übernachtungskosten – sowie jede Menge Souvenirs. T-Shirts sind ein Muss, manche bringen sich auch Kapuzenpullover, Kaffeebecher oder Mützen mit. Dieser Abend in Hamburg ist eine gute Gelegenheit, sich „bosstauglich“ in Schale zu schmeißen.

Mehr als 50 Gäste sind es diesmal beim „Trampstreffen“ in Hamburg. Otto Hahlbohm aus Kiel hat es organisiert. Es ist das siebte Fantreffen im „Titanic“, und während die Teilnehmer nach und nach eintreffen, bereitet sich Olli Heinze – Singer/Songwriter aus dem nordrhein-westfälischen Schwerte – auf das erste seiner beiden Sets im Pub vor. Er covert den Boss – und macht das richtig gut. Er ist zum fünften Mal für dieses Treffen engagiert worden und präsentiert auch ein paar eigene Songs. Michael (55) hat 13 Springsteen-Konzerte erlebt – darunter das legendäre Gastspiel des US-Amerikaners am 19. Juli 1988 auf der Radrennbahn in Ost-Berlin. Für sein Ticket hat er damals 19,05 Mark bezahlt. „Ich stand ganz vorne“, erinnert sich der Küchenchef aus Lüneburg an den Tag, als er einer von fast 200.000 Konzertbesuchern und damit Teil des bislang größten Springsteen-Konzertes überhaupt war. Kurz darauf ist er aus der DDR abgehauen. 

300 Euro für ein Ticket

Michael schwärmt bei einem dunklen Bier von Springsteens Ehrlichkeit und Loyalität gegenüber den Fans. Heute mehr als 100, für ein VIP-Ticket sogar 300 Euro auszugeben, hält der 55-Jährige für legitim. „Ich bin Hardcore-Fan“, sagt Michael. Zurzeit wartet er auf die auf CD gebrannten Mitschnitte der drei Konzerte in München, Berlin und Rom, die er in diesem Jahr besucht hat. Bestellt hat er sie beim Boss persönlich auf dessen Homepage. „Springsteen ist einer von uns“, meint Michael. Der sei nicht abgehoben.

Regina aus Ahrensburg ist 58 Jahre alt, ebenfalls leidenschaftlicher Fan. „Ich fühle mich im Herzen mit ihm verbunden“, sagt sie. Seine Konzerte berührten sie, sie mag seine Offenheit. „Der ist authentisch.“ Seit 2010 sei sie bei jeder Tour dabei. „Schade, dass ich nicht an ihm dran geblieben bin, nachdem ich ,Born In The USA’ damals rauf unter runter gehört habe.“ Wenn sie allein an das Konzert im irischen Kilkenny denke, bekomme sie schon wieder eine Gänsehaut.

Autogramm hängt gerahmt in der Wohnung

Otto Hahlbohm hat den Boss 1988 zum ersten Mal live erlebt. In Frankfurt war das. „Bei der Tunnel-of-Love-Express-Tour hat er ja ganz am Anfang immer einen Strauß Rosen ins Publikum geschmissen“, erinnert sich der 46-Jährige, „davon habe ich eine aufgefangen – und die ist auch heute noch getrocknet in meinem Bruce-Album.“ Das Autogramm hingegen ist auf einem T-Shirt verewigt, das gerahmt in seiner Wohnung in Kiel hängt. Bekommen hat er es in Kopenhagen. 

Das war 1993 vor dem Hotel. Für Hahlbohm sind es vor allem die Live-Auftritte, die ihn gepackt haben. Dieses Live-Gefühl, sagt er, lasse ihn nicht mehr von Springsteen loskommen. Es sei einerseits genau seine Musik, andererseits trage Springsteen beim Konzert jeden Song mit voller Inbrunst vor. So etwas habe er noch nie bei jemand anderem erlebt. In einem 60 .000-Mann-Stadion gebe der Boss jedem einzelnen Besucher das Gefühl, genau für ihn zu spielen.

Tankstelle für die Seele

Das alles, die Musik, die Leidenschaft, habe großen Einfluss auf sein Leben, sagt Otto. Die Konzerte seien so eine Art Tankstelle für die Seele. Es sei so, als ob da eine riesengroße Batterie auf der Bühne steht, an die sich jeder ranhängen und aus der jeder Besucher positive Energie runterladen könne. „Das hält bei mir dann wochenlang an.“ Das Buch, mit dem Springsteen zurzeit als Autor auf sich aufmerksam macht, runde für ihn das Bild des 67-Jährigen wunderbar ab.

Die Autobiografie sei wirklich „super geschrieben“, sehr persönlich, sagt ein anderer angereister Fan bei einer Zigarette vor der Tür des „Titanic“. Darin kehre der Musiker auch seine dunklen Seiten nach außen. Viel davon erkenne er in sich selbst wieder. Vielleicht, sagt er, geht das vielen anderen Fans ebenfalls so, wenn sie die Texte hören. „Die Songs haben mir schon ein paar Mal das Leben gerettet“, erklärt er und geht wieder hinein in die kleine Eckkneipe, um mit den anderen Fans noch einige Boss-Songs zu feiern. Das ist das Stichwort für Olli Heinze – sein zweites Set beginnt.

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