Am Tag, als die Musik starb 

Vor 25 Jahren nahm sich Kurt Cobain von Nirvana das Leben

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Dieses Porträt von Kurt Cobain steht in dem nach dem Musiker benannten Park in Aberdeen, Washington. 

Syke - Von Rolf Stein. Eigentlich war die Musik ja schon vorher gestorben, vor etwas mehr als 60 Jahren, nämlich am 3. Februar 1959, dem Tag als Buddy Holly, Richie Valens und der Big Bopper bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kamen. Schon dass der US-amerikanische Songwriter Don McLean davon in einem Lied namens „American Pie“ sang, das vor fast 20 Jahren in einer Neufassung von Madonna ein Nummer-eins-Hit wurde, lässt natürlich den Schluss zu, dass es auch nach 1959 Musik gab. Aber es hatte sich etwas verändert.

Dass die Musik am 5. April 1994, also vor 25 Jahren starb, ließe sich durchaus auch behaupten. Als Kurt Cobain, Sänger und Gitarrist der Rockband Nirvana nämlich seinem Leben ein Ende setzte, kam damit ebenfalls eine Pop-Ära an ihr Ende. Nicht so sehr die von Rock als solchem. Der wurde schon oft totgesagt und erfuhr Auferstehung. „The Year Punk Broke“ überschrieb die New Yorker Band Sonic Youth ihre Europa-Tournee im August des Jahres 1991, auf der sie auch mit Nirvana spielte, die kurz vor ihrem kommerziellen Durchbruch standen. Am 27. August führte die Konzertreise Sonic Youth und Nirvana noch nach Bremen, wo sie im Aladin im Rahmen des Überschall-Festivals auftraten. Im September kam das Nirvana-Album „Nevermind“ auf den Markt.

Es ließe sich an dieser Stelle der triviale Satz sagen, dass der Rest Geschichte sei. Aber der stimmt so sehr wie er falsch ist. Zwar begann dann das, was man eine Weltkarriere nennen muss, und auch der Aufstieg des sogenannten Alternative Rock. Aber die Geschichte war damit auch schon fast vorbei. Das Kontinuum, dem Nirvana nämlich entstammten und ohne das sie kaum möglich gewesen wären, kam mit ihrem Erfolg an ein Ende. Eine Welt nämlich, in der sich veschrobene Einzelgänger zu klandestinen Bands zusammenschlossen, um sich Rock neu anzueignen, ihn zu einer künstlerischen Avantgarde zu formen, die auch in ihren Strukturen umstürzlerisch war. Informationen wurden in selbstverlegten Fanzines verbreitet, Tourneen buchten die Musiker selbst, Labels wie SST, Dischord und Sub Pop brachten damals die aufregendste Musik der Welt heraus. Cobain machte keinen Hehl daraus, dass er in diesem Kosmos seine geistige Heimat sah. Man musste ja nur seine T-Shirts lesen können. Dass genau das die meisten seiner neuen Fans eben nicht konnten oder wollten, war Teil des Widerspruchs, an dem Cobain zerbrach. Vor 25 Jahren erschoss er sich in seinem Haus in Seattle. Er war gerade einmal 27 Jahre alt.

Leiden aus Treibstoff für den Grunge

Die Leiden des jungen Cobain waren auch Treibstoff des bislang letzten großen Rock-Hypes: Grunge oder eben Alternative Rock. Einerseits kamen vergleichsweise randständige Bands wie die Melvins, die Meat Puppets oder die Butthole Surfers zu MTV-Ehren, weil deren Fan Kurt Cobain sie protegierte. Auf der anderen Seite rekrutierten die großen Plattenfirmen alles, was eine Gitarre halten konnte und ein bisschen existenzialistische Verzweiflung verströmte, um die neuen Nirvana zu finden. Selbst bei Radio Bremen 4 lief damals mitten am Tag Metallica vor Soundgarden und den Stone Temple Pilots, denen später unter anderem unsägliche Knalltüten wie Nickelback, Ugly Kid Joe und Limp Bizkit folgen würden.

Was noch geschah, war zu erwarten: Von Aberdeen, Cobains Geburtsort im US-Staat Washington, die ihrem berühmten Sohn unter anderem einen Park widmete, über Cleveland, Ohio, wo die Band vor fünf Jahren in die Rock and Roll Hall of Fame eingeführt wurde, bis Seattle, wo die örtliche Polizei angeblich wöchentlich Anfragen erhält, den Fall Cobain neu aufzurollen.

Und natürlich arbeiten sich Heerscharen von Musikern daran ab, aus dem, was Nirvana auf den Punkt gebracht haben, noch etwas herauszuarbeiten, das die alte Dringlichkeit besitzt. Während Cobains ehemalige Mitmusiker Krist Novoselic und Dave Grohl auf ihre Weise mit dem Erbe umgehen: Novoselic betätigt sich eher als politischer Aktivist, während Grohl mit den Foo Fighters äußerst erfolgreich das musikalische Vakuum abzubilden scheint, das Nirvana hinterließen.

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