Marco Goecke gibt in Hannover seinen Einstand als Ballettdirektor

Tänze eines Getriebenen

Rosenblätter als Knalleffekt: Im Gegensatz zu seinem Vorgänger setzt Marco Goecke auf reduzierte Requisiten und Kostüme. Fotos: Ralf Mohr

Hannover - Von Jörg Worat. Hannovers Tanzgemeinde wird sich umstellen müssen. Und ist offenbar bereit dazu – diesen Schluss könnte man zumindest aus dem stürmischen Applaus ziehen, der im Opernhaus nach der Premiere von „Nijinski“ erklang. Das Stück, 2016 in Stuttgart uraufgeführt, war die erste abendfüllende Choreografie des neuen Ballettdirektors Marco Goecke in Hannover.

Vorbei die Zeit, da sein Vorgänger Jörg Mannes mit süffigen Handlungsballetten punktete, die vor allem in der letzten Zeit gern mit opulenten Bühnenbildern gekoppelt waren. Ein Solches gibt es bei „Nijinski“ nicht, genau genommen gibt es fast überhaupt keins: Getanzt wird auf einem hellen Karree; Abwechslung entsteht durch teils recht abrupt wechselnde Lichtstimmungen, und wenn gegen Ende ein Sessel auf die Bühne geschoben wird, ist das schon das Höchste der Gefühle. Auch Kostüme und Requisiten kommen sehr reduziert daher: hier ein Hut, da ein Stock, dort ein paar Streichhölzer. Um so überraschender, wenn es einmal nach einem Knalleffekt Rosenblätter vom Bühnenhimmel zu regnen beginnt.

In einem solchen Setting rücken die Körper und deren Expressivität besonders in den Vordergrund. Erzählt wird zu live vom Niedersächsischen Staatsorchester gespielten Chopin- und Debussy-Klängen die Geschichte des legendären Tänzers Waslaw Nijinski, und schon gilt es die nächste Einschränkung zu machen: „Erzählen“ im Sinne eines klassischen Stationendramas ist Goeckes Sache nicht – es ist sicherlich hilfreich, wenn man die Biografie Nijinskis wenigstens in groben Zügen kennt.

Typische Stilmerkmale des Choreografen kommen dabei zum Tragen. Der Oberkörper mit nervösen Bewegungen der Arme und flatternden Händen wird stark betont, der Tanz wirkt oft manisch und scheint zuweilen nachgerade beliebig zu werden, bis sich herausstellt, dass jedes Element sehr bewusst gesetzt ist. Als Beispiel möge eine Szene dienen, in der Nijinski wutentbrannt herumzutrampeln beginnt – die beiden Kollegen, die sich ihm zugesellen, stampfen in eben demselben Rhythmus. Apropos: Schon seit etlichen Jahren bestechen die hannoverschen Ballettensembles durch ausgeprägte Musikalität, und das aktuelle hält sich bei „Nijinski“ nicht nur präzise an den Takt, sondern tanzt zuweilen sogar komplette Phrasierungen mit.

Liebhaber von ausgefeilten Boden- oder Hebefiguren kommen an diesem Abend nicht auf ihre Kosten. Hier und da werden ein paar Schnipsel von klassischem Ballett eingebaut, die vor allem Nijinskis Werdegang spiegeln sollen. Mit der zunehmenden Umnachtung des Tänzers werden die Bewegungsformen noch verzerrter, als sie ohnehin schon sind. Was nicht ausschließt, dass auch Weichheit und Eleganz in dieser Choreografie ihren Platz finden.

Das Ensemble muss mächtig schuften, zumal die Anforderungen auch Lautäußerungen vom Keuchen bis zum Schrei einschließen. Am meisten gefordert ist natürlich Rosario Guerra in der Titelrolle, und es gelingt ihm eindringlich, das Bild eines Getriebenen zu zeichnen. Neben ihm steht vor allem Conal Francis-Martin als ebenso eitler wie kontrollsüchtiger Impresario Djagilew im Mittelpunkt.

Ein anstrengender Abend also für die Tänzer, für das Publikum indes nicht minder. Ein paar Abonnenten dürfte Goecke wohl verlieren, aber die Chancen stehen recht gut, dass auch neue hinzukommen – es wäre jedenfalls nicht das erste Mal, dass sich die Tanzstadt Hannover neu erfindet.

Sehen

Weitere Vorstellungen sind am kommenden Freitag und am Samstag, 28. Dezember, jeweils 19.30 Uhr, im Opernhaus Hannover geplant. Außerdem gibt es einen Termin am Sonntag, 5. Januar, um 18.30 Uhr.

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