Ta-Nehisi Coates‘ Abrechnung mit Rassismus in den USA ist auf Deutsch erschienen

Keine Frage der Abstammung

Mediengruppe Kreiszeitung
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Bremen - Von Rolf Stein. Es ist ja nicht nur das Gerede von „nordafrikanisch aussehenden Männern“, das einem bei der Lektüre von „Zwischen mir und der Welt“ von Ta-Nehisi Coates in den Sinn kommen könnte. In den USA bereits im vergangenen Sommer veröffentlicht, kurz nachdem am 17. Juni ein weißer Mann in einer Kirche in Charleston neun schwarze Amerikaner erschoss, wurde das Buch dort zu einem der meistdiskutierten Bücher der letzten Zeit. Seit Kurzem ist „Zwischen mir und der Welt“ auch in deutscher Übersetzung erhältlich. „Pflichtlektüre!“, sagt Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison, die kürzlich 85. Geburtstag feierte. - Von Rolf Stein.

Das mit der Pflicht mag gewiss vor allem für die USA gelten, aus denen nicht erst in den letzten Jahren immer wieder Berichte über rassistische Gewalt, in vielen Fällen seitens der Polizei, gegen Afroamerikaner die Runde machten. Laut einem Polizeibericht aus Philadelphia „haben Polizisten in dieser Stadt in den vergangenen Jahren im Schnitt jede Woche auf jemanden geschossen – und dieser Jemand war in 80 Prozent der Fälle schwarz“, sagte die Soziologin Alice Goffman unlängst in einem Interview.

Wie aber kommt es, dass in einem Land, das die Sklaverei längst abgeschafft hat und schon vor Jahrzehnten auch die gesetzliche Rassentrennung, ein Land, dass einen schwarzen Präsidenten hat, die Hautfarbe eines Menschen bis heute so fatale Folgen haben kann? In Form eines Briefs an seinen Sohn hat Coates seine Abrechnung mit dem Rassismus in den USA formuliert. Und blickt auf seinen Gegenstand aus autobiografischer Nähe. Seine Schlussfolgerungen bezieht er nichtsdestotrotz auf eine ganze Gesellschaft. Und sie treffen offenbar einen Nerv. Er pauschalisiere, vermittle keine Perspektive, wurde Coates kritisiert. Und in der Tat: Allzu viel Anlass für Optimismus scheint Coates nicht zu haben. Doch selbstverständlich zielt ja noch die radikalste Kritik auf Positives – zumindest, sofern sie jemand zwischen zwei Buchdeckel packt.

Zwar sieht Coates die Wurzeln des Problems in der Geschichte der USA, er schildert aber auch, wie die heutige Gesellschaft diesen Rassismus sachnotwendig immer wieder neu erschafft. Und dieser Rassismus sei keine Frage der Hautfarbe – „die Definition eines ‚Volkes‘ hatte nie etwas mit Abstammung und Physiognomie zu tun, sondern immer mit Hierarchie“, hält Coates fest.

Auch wenn es hier um die Situation schwarzer Amerikaner geht, behauptet Coates keine historische Singularität, im Gegenteil: „Vielleicht hat es im Lauf der Geschichte irgendwann mal eine Großmacht gegeben, die nicht aus der gewaltsamen Ausbeutung fremder Körper erwachsen ist – in dem Fall steht mir noch eine Entdeckung bevor.“

Und weil das wohl nun einmal so ist, lässt sich einiges übertragen, als Schlüssel lesen zu Fragen wie der, warum sich von der Gesellschaft ausgegrenzte junge Menschen so oft in Gangs organisieren, sich in einen Panzer hüllen, der als ohnmächtiger Versuch, Kontrolle über den eigenen Körper zu erlangen, zu immer neuer Gewalt führt; wie aus Armut mit unschöner Regelmäßigkeit Armut folgt; wie ein Bildungssystem systematisch Ausgrenzung reproduziert. Nichts davon ist tatsächlich zwangsläufig, aber Regelmäßigkeiten lassen sich festhalten. Nicht nur Schwarze in den USA müssen bekanntlich doppelt so gut sein und verdienen später doch nur die Hälfte.

Als Zugabe zu diesem sprachgewaltigen, mitreißenden, berührenden, wütenden wie klugen Essay findet sich in der deutschen Ausgabe Coates‘ „Plädoyer für Reparationen“, das in journalistischerem Ton ebenfalls nicht wenig zur Debatte beizutragen hat. Das ist, wenn schon keine Pflichtlektüre, dann doch dringendst empfohlen.

Ta-Nehisi Coates: „Zwischen mir und der Welt“, Hanser Verlag, 240 Seiten, 19,90 Euro.

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