Nils Kercher im Gespräch über afrikanische Musik

„Szene muss sich umstellen“

„Es ist immer ein Miteinanderspielen“: Nils Kercher und sein Kollege Barou Kouyate aus Mali. - Foto:
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„Es ist immer ein Miteinanderspielen“: Nils Kercher und sein Kollege Barou Kouyate aus Mali.

Bremen - Von Rolf Stein. Groß, blond, im Ganzen eher norddeutsch sieht er aus: Rein optisch ist Nils Kercher nicht unbedingt jemand, den man automatisch mit Musik aus Afrika in Verbindung bringen würde. Und doch ist sein Album „Suku – Your Life Is Your Poem“ nicht zuletzt von westafrikanischen Klängen geprägt. Daneben finden sich Instrumente aus der klassischen Musik und Texte auf Finnisch und Englisch. Am Freitag eröffnet der Bonner Musiker seine Tournee mit einem Konzert in Bremen.

Herr Kercher, Sie verbinden Spielweisen und Instrumente aus Westafrika mit europäischen Spielweisen. Wie passt das zusammen?

Nils Kercher: Ich glaube, das muss organisch entstehen. Mir ist wichtig, dass es nicht nur aus dem Gedanken kommt, diese verschiedenen Dinge zusammenbringen zu wollen. Es hat sehr viel damit zu tun, wo ich herkomme.

Und wo kommen Sie her?

Kercher: Mein musikalischer Background war zunächst Klassik, dann kam Rock dazu. Ich glaube, dass in der Musik, die ich heute mache, diese Komponenten immer noch vorhanden sind. Oft nehme ich Themen aus der traditionellen westafrikanischen Musik. Vor meinem inneren Ohr höre ich dann Dinge wie Streicher oder Choräle. Bei dem Song „Sacred Forest“ zum Beispiel, einem Stück mit ausgehöhlten Baumstämmen und Rhythmen aus der Regenwaldregion Guineas, habe ich im Kopf immer wieder Gesänge gehört, die fast gregorianisch klangen. Daraus entstand ein musikalisches Gewebe, das ziemlich ungewöhnlich ist.

Wie kamen Sie eigentlich zur afrikanischen Musik?

Kercher: Als ich 16 war, habe ich ein Konzert des Bonner Musikers Benno Klandt gesehen, der lange in Guinea gewesen war. Das ging mir die ganze Nacht im Kopf herum. Ich habe Klandt später angerufen. Er wurde dann mein Lehrer und schnell auch mein Mitmusiker.

Können Sie erklären, was Sie an dieser Musik so berührt hat?

Kercher: Sie ging direkt in den Körper, aber sie hat mich auch noch auf einer anderen Ebene berührt. Da war etwas, was ich in Musik immer gesucht habe. Es war befreiend, öffnend. Ich konnte das damals gar nicht benennen. Erst beim Versuch, das selbst umzusetzen, habe ich gemerkt, welche Hindernisse ich als Europäer überwinden musste. Das hatte geradezu etwas Heilsames.

Afrika ist groß. Gibt es so etwas wie eine „afrikanische“ Qualität von Musik?

Kercher: Es gibt eine rhythmische Komplexität, die auch von sehr versierten, ausgebildeten europäischen Musikern nicht ohne weiteres zu bewältigen ist. Bei mir war das genauso, auch wenn es für mich als Schlagzeuger vielleicht etwas einfacher war. Aber es ist tatsächlich ein ganz anderes Musikgefühl, das darin steckt, auch ein anderes Lebensgefühl. Ich glaube, mit unserer musikalischen Analyse kann man dieser Musik nicht beikommen. Da fehlt die Essenz, die diese Musik ausmacht. Unsere westliche Lernstruktur hat sehr viel mit Sehen zu tun, zum Beispiel beim Notenlesen. In Afrika wird Musik seit jeher über das Hören weitergegeben. Es gibt dort keinen Unterricht, wie wir ihn kennen. Kinder fangen an Dinge nachzuahmen, lange bevor ihnen jemand etwas zeigt. Sie sind schon immer Teil des musikalischen Happenings. Ich will aber gar nicht versuchen, afrikanische Musik zu kopieren. Mir geht es weniger um die genaue Formals um eine musikalische Farbe.

Warum ist es denn so schwer, diese Musik zu lernen?

Kercher: Afrikanische Musik kann nicht „erobert“ werden. Man muss der Musik erlauben, dass sie in den Zellen ankommt. Mein Lehrer hat mir gesagt: Das ist alles gut, aber es fehlt was, du bist nicht richtig drin. Das hat mich getroffen, weil ich wusste, dass er recht hat. Die traditionelle Musik in Westafrika hat zwar eine Form, aber in der drückt sich das Individuum aus. Für mich ist es wichtig, meinen Ausdruck zu finden.

Sie spielen auch die Kora, eine afrikanische Harfe, und singen in Bambara und Malinke – sprechen Sie diese Sprachen eigentlich auch?

Kercher: Ich singe in verschiedenen Sprachen, unter anderem in Bambara und Malinke. Ich spreche diese Sprachen nicht fließend, aber ich kann mich verständigen, ein bisschen Smalltalk machen, und ich weiß auch immer, was ich singe. Ich benutze aber auch Englisch und Finnisch. Jede Sprache transportiert eine andere Atmosphäre. Für mich sind das eher Instrumente, Farben.

Haben Sie Ihre Musik auch schon in Afrika präsentiert? 

Kercher: Das ist gar nicht so lange her. Ein Produzent aus Senegal hat uns kontaktiert. Er hat meine Musik schon seit 2008 verfolgt, damals lebte er noch in Asien und fand uns im Internet auf der Suche nach afrikanischer Musik. Er betreibt ein Label in Senegal und hat uns im vergangenen Jahr eingeladen, dort auf Tournee zu gehen. Es war das erste Mal, dass wir in Westafrika aufgetreten sind.

Wie waren die Reaktionen?

Kercher: Als ich auf die Bühne ging, gab es ein Raunen und Kichern. Als wir dann anfingen und ich gesungen habe, kam spontaner Beifall. Da hab ich Gänsehaut gekriegt. Nach dem Konzert kam ein älterer Mann zu mir, nahm meine Hand und schaute mir tief in die Augen. Aber auch Jüngere fanden das cool. Sie haben anerkannt, dass jemand sich für ihre Kultur interessiert und sich die Mühe macht, ihre Musik zu erlernen. Sie nehmen das als Würdigung wahr, auch wenn sich die jungen Leute in Senegal heute eher für Hiphop interessieren. In Deutschland erfahre ich viel mehr Vorbehalte als in Afrika: Ist das authentisch, wenn ein Weißer afrikanische Musik macht? Vielleicht will man aber auch die Romantisierung nicht loslassen. Durch die Globalisierung ändert sich enorm viel, Da muss sich auch die hiesige Weltmusikszene mit ihrer Sehnsucht nach dem Ursprünglichen umstellen. Das wird sich alles noch mehr und noch schneller ändern, als es jetzt schon der Fall ist.

Nils Kercher & Ensemble eröffnen ihre Tournee am Freitag, 20 Uhr, im Bürgerhaus Weserterrassen, Bremen. Weitere Termine im Internet.

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