Szene nur angedeutet

„La Damnation de Faust“ von Hector Berlioz feiert Premiere in Oldenburg

Gefährliche Figur auch ohne szenische Aktivitäten: Kihun Yoon als Méphistophélès in „La Damnation de Faust“. - Foto Stephan Walzl
+
Gefährliche Figur auch ohne szenische Aktivitäten: Kihun Yoon als Méphistophélès in „La Damnation de Faust“.

Oldenburg - Von Markus Wilks. Eine Oper nach Goethes „Faust“ ist am Oldenburgischen Staatstheater nicht zu sehen, soll es auch nicht. Vielmehr kam „La Damnation de Faust“ („Fausts Verdammnis“) zur Premiere – eine „Dramatische Legende“ von Hector Berlioz, die opernartig Szenen aus „Faust“ verarbeitet und sich damit zugleich beim Original bedient, so wie es sich von ihm distanziert.

Entstanden ist ein bildgewaltiges Werk, in dem manche Regisseure gar einen Anti-Faust entdecken, der der Hölle zum Opfer fällt. Diese Berlioz’sche Sicht auf den Faust-Mythos gibt es in Oldenburg in einer konzertanten Version mit Videos zu sehen.

Dank der ausgezeichneten Akustik des Hauses kann das Staatsorchester – wie gewohnt – im Graben sitzen und dennoch einen Kosmos an Klängen erzeugen. Kapellmeister Vito Cristofaro gibt den vorzüglichen Instrumentalsolisten (Oboe!) viel Raum, um feine Stimmungen zu erzeugen, sorgt aber auch für ein beständiges Voranschreiten der Musik und kostet die vielen Effekte voll aus.

Sicher wird sich in den Folgevorstellungen noch mehr Routine im Zusammenspiel mit dem Chor und bei den besonders virtuosen Stücken wie dem „Ungarischen Marsch“ einstellen, gleichwohl konnten sich die Musiker bei der Premiere zu Recht über viele Bravo-Rufe freuen. Das mit über 70 Sängern stark besetzte Kollektiv aus Opern- und Extrachor (Einstudierung: Markus Popp) stand in Konzertaufstellung auf der Bühne. Es ging versiert mit den Noten um und klang eher wie ein schlanker Oratorien- als ein massiv auftretender Opernchor.

Vor dem Chor standen die Sänger an ihren Notenpulten und sorgten musikalisch für viele Highlights. Mit dem Faust hat Jason Kim eine Partie gefunden, die ihm besonders gut in der Kehle liegt. Sein baritonal gefärbter Tenor blüht im ersten Teil, der uns einen ausgebrannten, elegisch gestimmten Faust vorstellt, großartig auf, in der Szene mit Marguerite meistert er die gefährlich hohe Lage souverän mit einer Mischung aus strahlenden Spitzentönen, sanft gehauchten Phrasen und einigen geschmackvollen Klängen im Falsett. Mühelos singt Ann-Beth Solvang die einzige weibliche Rolle in diesem Stück, Dramatik und Intimität stellen ihren dunklen, klangvollen Mezzo vor keinerlei Probleme.

Übertroffen werden beide aber von Kihon Yoon, dessen prachtvoller, schier grenzenloser Bariton aus dem Méphistophélès auch ohne szenische Aktivitäten eine gefährliche Figur formt. Wenn er in seine wertvolle Stimme noch etwas mehr Charme und Verführung legen könnte, sollte Kihon Yoon über die Basis zu einer großen Karriere verfügen. In kleineren Rollen agieren Ill-Hoon Choung (Brander) und Alwin Kölblinger (Bass-Solo).

Und das Spiel? Wer von den konzertanten Opernaufführungen beim Musikfest Bremen gewohnt ist, dass auch auf dem Konzertpodium großes Theater stattfinden kann, sollte mit einer anderen Erwartungshaltung nach Oldenburg fahren, denn dort deuten die Solisten die Szene nur an. Nun kann man sich darauf beziehen, dass Berlioz mit seiner „Dramatischen Legende“ keine Oper konzipiert hat und sie selbst konzertant zur Uraufführung brachte. 

Doch war das wohl eher eine Kapitulation vor den Möglichkeiten seiner Zeit, dieses bildgewaltige Werk umzusetzen. Dass „Fausts Verdammnis“ auf der Opernbühne funktioniert oder zumindest anregende Theatererlebnisse ermöglicht, haben inzwischen etliche Regisseure bewiesen, im März des vergangenen Jahres auch am Goetheplatz. Für die Oldenburger Produktion hat der Künstler Christoph Girardet viele kurze Videos zusammengestellt, die auf einer dreigeteilten Leinwand über den Köpfen des Chores gezeigt werden.

Es sind Ausschnitte aus Schwarz-Weiß-Filmen, alten wissenschaftlich-technischen Lehrvideos und Naturaufnahmen, die einen assoziativen Rahmen zur Musik geben. Manchmal bebildert Girardet die Handlung „eins zu eins“ (etwa bei der Zeile „Die Rosen erblühten in der Nacht“ mit sich wiederholenden Zeitraffervideos des Blühvorgangs), manchmal gibt er Rätsel auf (Endlosschleife mit einer in Zeitlupe zu Boden fallenden Katze), manchmal kommentiert er technisch (Röntgenfilme vom Schluckvorgang des Menschen, Kosmonauten in einer Zentrifuge), manchmal arbeitet er leitmotivisch (Uhrenvideos als Symbol für Méphistophélès, den Manipulator seiner Umwelt).

Manche Videos lenken stark von der Musik ab, so wie sich oft kein Gewinn durch diese hinzugefügte Dimension einstellt. Gleichwohl: Berlioz‘ mitreißende Musik lohnt sich immer, vor allem dann, wenn sie so kompetent wiedergegeben wird wie in Oldenburg.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Bill und Melinda Gates lassen sich scheiden

Bill und Melinda Gates lassen sich scheiden

Vettel ohne Chance bei nächstem Hamilton-Sieg

Vettel ohne Chance bei nächstem Hamilton-Sieg

Linke Demos zum 1. Mai - Krawalle in mehreren Städten

Linke Demos zum 1. Mai - Krawalle in mehreren Städten

RB Leipzig kämpft sich ins Pokalfinale - Kohfeldt bleibt

RB Leipzig kämpft sich ins Pokalfinale - Kohfeldt bleibt

Meistgelesene Artikel

Wortkarge Diva: Debbie Harry stellt Biografie vor

Wortkarge Diva: Debbie Harry stellt Biografie vor

Wortkarge Diva: Debbie Harry stellt Biografie vor

Kommentare