Johann Büsen hält seinem Publikum den Spiegel vor: Es erkennt sich darin als Roboter / Ausstellung in Bremen

Ein Symbol ruft zum Appell

Johann Büsen: „Spacebox“, Digitaldruck, 2010.

Von Johannes BruggaierBREMEN (Eig. Ber.) · Vor der gigantischen Rauchwolke erfüllt sich gerade ein Kindheitstraum.

Das Spaceshuttle hebt ab gen Weltall, rechts verfolgt ein Astronaut den Start, und links blicken die vier Augen eines Mädchens und eines Jungens gebannt in Richtung des oben seine Kreise ziehenden Planeten Saturn. Viel Rauch, ein bisschen Meteoritensturm und eine US-Flagge auf dem Mond: So schön ist die Raumfahrt. Natürlich ist das nur die halbe Wahrheit. Das Trainingsprogramm für Astronauten hat es in sich, statt Meteoritengucken stehen anspruchsvolle wissenschaftliche Experimente auf dem Programm, und wenn ein Bordinstrument ausfällt, hilft mitunter nur noch beten.

Was Kinder von der Raumfahrt wissen, ist aber meistens nur die Fassade, ein medial vermitteltes Hochglanzbild mit schnittigen Raumschiffen und einer fröhlich winkenden Crew. Was Kinder von der Raumfahrt wissen, ist das, was Johann Büsens Digitaldruck „Spacebox“ zeigt: ein Abbild, eine Fiktion, ein Traum – eben ein Kindheitstraum. Traumatisch mutet auch das diffuse Beziehungsgeflecht von Astronauten, Kindern, Maschinen und Planeten an. Was Mensch ist und was Automat, das lässt sich in diesem Wirrwarr kaum noch bestimmen. Nur eines ist hier mit Händen greifbar: der tiefe Glaube an den Pioniergeist der Menschheit.

„Plastic Planet“ heißt die Ausstellung im Bremer Kunstsalon Leuwer. Auf einem Plastikplaneten leben wir schließlich, in einer künstlichen Welt. Und all unsere Hoffnung, unser ganzer Glaube gründet sich auf nichts anderes als allgegenwärtige Fata Morganas: die Trugbilder des Fernsehens und des Internets, die unsere Wirklichkeit längst in eine gigantische Illusion verwandelt haben.

In Endlosschleifen brennen sich digitale Bilder von Space-Shuttle-Flügen, Flugzeugkatastrophen, Sportereignissen in das kollektive Gedächtnis der Mediengesellschaft ein. Das Bild an sich hat sein ästhetisches Potenzial längst eingebüßt, ist zu einem bloßen Impulsgeber für eingeübte Handlungsmuster verkommen. Das gilt für die dokumentarischen Motive der Fernsehnachrichten ebenso wie für Modellskizzen in Bedienungsanleitungen und Beipackzetteln.

„Nimm diese Tabletten“, „halte dich von jener Medizin fern“, „hüte dich vor Drogen“: In „Trip“ brüllt eine wilde Sammlung von medizinischen Symbolen, Skizzen und Gebrauchsanweisungen ihrem Betrachter diverse Befehle entgegen. Welche Pille welches Symptom bekämpft und wozu die skurrile Atemmaschine am linken Bildrand gut ist? Alles egal: Dem medial geschulten Adressaten wird es schon gelingen, das für ihn bestimmte Kommando herauszulesen.

Johann Büsens symbolüberfrachtete Kunst ist eine Zumutung für ihren Rezipienten. Die viel größere Zumutung ist aber die alltägliche Symbolüberfrachtung in Medien, Einkaufszentren, Straßenschildern. In Büsens dichter Verflechtung von Motiven zeigt sich die ironische Kommentierung einer von Symbolen beherrschten Lebenswirklichkeit, die den Menschen zusehends auf einen roboterhaften Befehlsempfänger reduziert. Noch lässt sich dieser Kommentar als solcher verstehen. Wenn die Masse der medialen Appelle weiter zunimmt – wer weiß, vielleicht wird dann Büsens Zumutung einmal ein ganz gewöhnliches Abbild des Alltags sein.

Bis 3. März im Kunstsalon Franz Leuwer, am Wall 171, Bremen. Öffnungszeiten: Mo.-Fr. 9-19 Uhr, Sa. 9-16 Uhr.

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