Illusionen, überall nur Illusionen

Syker Vorwerk zeigt mit „Residence II“ junge Kunst aus Niedersachsen

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Bitte nicht stören: „Remember the Promise“ von Elisabeth Stumpf. 

Syke - Von Mareike Bannasch. Es könnte ein Bienenstock sein. Oder ein riesiger Kokon. Oder vielleicht auch ein Heißluftballon, aber dann ohne Korb. Was dieses Gebilde aus von öffentlichen Toiletten bekannten Papierhandtüchern, Kleister und Seilen wirklich ist, weiß niemand so genau. Die Entscheidung liegt, wie so oft, im Auge des Betrachters.

Esther Buttersacks Arbeit „Shiny Cone“, die im Syker Vorwerk einen Raum fast komplett ausfüllt, ist trotz ihrer Dimensionen nur ein kleiner Teil der aktuellen Schau. Sie trägt den Titel „Residence II“ und stellt nach 2012 bereits zum zweiten Mal eine Kooperation zwischen dem Vorwerk und der Künstlerstätte Stuhr-Heiligenrode dar. Im Zentrum stehen auch dieses Mal zehn Künstler, die vor allem eines eint: Sie waren zwischen 2012 und 2017 als Stipendiat in Stuhr-Heiligenrode. 

Verbunden damit sind zehn Monate, in denen sie komplett finanziert werden, ein Atelier in der Kunststätte erhalten und auch in Stuhr-Heiligenrode leben. Im Vorwerk hat nun jeder ehemalige Stipendiat einen Raum bekommen. Entweder, um ein bereits vorhandenes Werk zu zeigen, eine neue Arbeit für die Schau zu entwickeln oder um die örtlichen Gegebenheiten direkt zum Teil des Kunstwerks zu machen.

Raumfüllende interaktive Videoinstallation

So wie Jens Isensee. Der gebürtige Braunschweiger lebte und arbeitete von 2015 bis 2016 als „artist in residence“ in Stuhr-Heiligenrode und ist im Vorwerk mit gleich drei Arbeiten zu sehen. Dazu zählt auch die fabelhafte, interaktive Videoinstallation „Gewächs“, die sich einen kompletten Raum zu Eigen macht. 

An der hinteren Wand ist eine Art wildes Dickicht zu sehen – natürlich digital. Über vier Sensoren wird der Besucher zur Lichtquelle, die den 3D-animierten Pflanzen zum Wachstum verhilft. Die Zweige, die in einer Hommage an Isensees sonstige Arbeiten aus Pappe zu sein scheinen, strecken sich dabei je nach Bewegung des Betrachters in alle Richtungen. So lange, bis sie sich zu einem festen Dickicht geformt haben – und das Computerprogramm das Gestrüpp wieder auf seine ursprüngliche Größe setzt.

Die perfekte Illusion

„Gewächs“ breitet sich aber nicht nur mithilfe seiner 3-D-Optik zumindest gefühlt im Raum aus, Isensee nutzte auch Fotografien der Gegebenheiten im Vorwerk und fügte sie als Hintergrund in die Installation ein. Die perfekte Illusion, die mit unseren Sehgewohnheiten spielt – genauso wie mit den Erwartungen an eine Ausstellung. Denn hier ist der Betrachter nicht einfach nur unbeteiligter Beobachter. Er hat Einfluss auf das Kunstwerk, und kann aus kleinen Pflänzchen einen unbezwingbaren Dschungel formen.

Mit unseren Erwartungen an eine Kunstausstellung bricht auch Elisabeth Stumpf. Ihr Raum gleicht auf dem ersten Blick einer außer Kontrolle geratenen Faschingsparty: Buntes Lametta so weit das Auge reicht, gepaart mit einem goldenen Glitzer-Totenkopf und zwei bunt-glasierten Keramiken. Mittendrin steht eine Familie, die konzentriert einige Bilder betrachtet. So konzentriert, dass man besser nicht stören möchte. 

Illusionen und Sehnsüchte

Die zwei Erwachsenen und zwei Kinder sind aber nicht echt. Sie sind nicht mal Schaufensterpuppen, Stumpf hat mittels Latten, Beton und Klamotten lebensgroße Vogelscheuchen geformt. Gucken können diese Scheuchen natürlich auch nicht, sie haben statt Gesichter nur Lametta-Vorhänge. Aber selbst wenn sie Augen hätten, es würden ihnen nichts nützen, denn Bilder gibt es nicht zu sehen. Was aus der Entfernung wie eine romantische Bergszenerie inklusive malerischem Sonnenuntergang aussieht, ist nämlich nicht mehr als mehrere farbige Stoffbahnen, die Stumpf übereinander angebracht und mit einem Lametta-Rahmen versehen hat.

„Remember the Promise II“ hat somit vor allem Illusionen und Sehnsüchte anzubieten. Sehnsüchte von Urlauben in fernen Weiten und einer schwerelosen Zeit. Und Illusionen, die unsere Erwartungen an Kunst im Allgemeinen und Kunstausstellungen im Besonderen hinterfragen. Verbunden mit einer Lektion, die so eigentlich nicht neu ist: Dass im Leben nur selten etwas so ist, wie es scheint.

Seelenlose Geiseln einer technischen Welt

Anders sieht es bei Yeon-Ji Kim aus, bei ihr gibt es keine Illusionen, ganz im Gegenteil. Die Absolventin der HfK Bremen zeigt im Vorwerk 20 Motive, jeweils Wasserfarbe und Ölkreide auf Leinwand. Zentraler Punkt der Bilder sind Menschen, die auf ihr Handy in der Hand blicken. Mal mit konzentriertem Gesichtsausdruck, mal geht der Blick zur Seite oder kurz nach oben – nicht, dass man noch gegen einen Laternenpfahl rennt. Menschen, die wir jeden Tag auf der Straße oder in der Bahn sehen. Menschen, die nur noch selten auf die Welt um sie herum achten.

Ihnen und auch Kims Motiven ist alles Menschliche abhandengekommen, sie sind nur noch seelenlose Geiseln einer technischen Welt. Eine deprimierende Realität, die Yeon-Ji Kim in bunte Farben kleidet und damit zumindest ein bisschen tröstet. Einen moralischen Zeigefinger braucht es übrigens nicht, um Eindruck zu machen. Der Betrachter wird auch so mit der Frage konfrontiert, ob er nicht auch zu oft einen Blick auf das Handy wirft – und damit seine Umwelt sträflich vernachlässigt.

„Residence II“ ist noch bis zum 2. April zu sehen. Die Eröffnung ist Sonntag um 12 Uhr.

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