Hund kaut Holz

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Nebulöses Mienenspiel: In Simone Haacks Bildern trifft sich das Apollinische mit dem Dionysischen auf eine Art, dass Nietzsche seine wahre Freude hätte.

Syke - Von Johannes Bruggaier - Künstlerkolonie Worpswede, Niedersachsens Mekka der Förderung von junger Malerei und Bildhauerkunst: Das war einmal. Vor zwei Jahren hat das Land seine Finanzierung der Stipendiatenstätte eingestellt.

Heute heißt das Mekka „Stuhr-Heiligenrode“, laut Edgar Wöltje nunmehr die einzige Institution dieser Art in ganz Niedersachsen. Ein „Aushängeschild“, wie der Kulturbeauftragte der Kommune mit unverkennbarem Stolz in der Stimme sagt.

Von Sonntag an ist das Aushängeschild nun im Syker Vorwerk zu Gast. Unter dem Titel „residence – Junge Kunst aus Niedersachsen“ zeigen zehn ehemalige Stipendiaten der Künstlerstätte Stuhr-Heiligenrode, warum sich die Förderung ihrer Arbeit (allesamt Absolventen zwischen 2004 und 2012) gelohnt hat. Es ist eine Ausstellung, die in allen ästhetischen Differenzen doch manche ungeahnte Verwandtschaft offenbart, eine Schau über Themen und Perspektiven einer Generation.

Da ist zum Beispiel die Reibung an den Gesetzmäßigkeiten unserer Welt, sichtbar in Nadine Städlers kaleidoskopartiger Installation. Drei senkrecht aufgestellte rechteckige Spiegel fügen sich in der Raummitte zu einem Dreieck – ihre Oberfläche jeweils nach innen gerichtet. Wer von oben hineinschaut, dem bietet der Dielenboden ein kleines Formenspiel: Sterne, Rauten, hexagonale Figuren. Es ist ein Spiel mit der Logik, eine Bild gewordene mathematische Beweisführung. Dann beginnt man, sich weiter hineinzudenken in diese Spiegelgeometrie und gelangt zur Erkenntnis, dass bei einer tieferen Versenkung in den Zwischenraum die eben noch so transparente Systematik schwindet: Wenn der Spiegel nichts als Spiegel spiegelt, so lässt sich die daraus resultierende Unendlichkeit weder rational noch ästhetisch erfassen.

Städlers Annäherung an das Unendliche, mithin jedem Zugriff menschlicher Vernunft Entzogene, findet in Simone Haacks Gemälden ihre thematische Entsprechung. Auch hier geht es um den Blick ins Innere, wenngleich mehr in seelischer Bedeutung als in technischer. Mädchenhafte Gestalten sind zu sehen – nur „haft“, weil bei all den süßen Kleidchen und kecken Posen gleichwohl ein mysteriöser Ernst greifbar wird. Eine halb trotzige, halb dämonische Anmutung, erweckt durch ein nebulöses Mienenspiel, aber auch durch eine gespenstisch überzeichnete Stimmungslandschaft.

Da senkt sich mal im Stil eines Caspar David Friedrich die blutrote Dämmerung übers Gebirge. Derart kitschgetränkt, dass es sich nicht anders als imaginärer Sehnsuchtsort denken lässt. Woanders verschwimmt die Natur im Hintergrund wie bei Gerhard Richter zu einer schwindelerregenden Szenerie. Und immer weist ein Weg in diese diffuse Ferne, sein Ziel nicht sichtbar, eine Idee von Unendlichkeit also auch hier. Es ist das Verlorensein in den Widersprüchen aus Innen und Außen, Realität und Fantasie, Vernunft und Gefühl.

In Daniel Behrendts Orten kommt dieses Dilemma auf eine geradezu perfide Weise zur Geltung. Derart gewöhnlich erscheinen nämlich seine Kellerecken und Hinterhofwinkel, dass gerade aus dieser Nichtigkeit ein ganz eigenes Unbehagen erwächst. Es sind die Zwischenräume, in denen man Gefahr vermutet: der Schattenwurf eines Mauervorsprungs, das verdreckte Gitter eines Lüftungsschachts. Schmucklose Orte, gestaltet nach streng funktionalen Kriterien – und doch bieten gerade sie den Nährboden für Schauerfantasien, entziehen sie sich doch jedem Versuch einer Domestikation.

Auch bei Nina Maria Küchler scheitert der menschliche Drang zur Zähmung des Wilden, zur Ordnung des Chaos. Mit Graphit hat sie einen rechteckigen Block aus exakt gleich großen Kreisen aufs Papier gebracht. Streng, klar und sauber: ein Fest für Pedanten. In Wahrheit aber eine Zumutung. Denn nicht alle Kreise wollen sich der Ordnung fügen, tändeln mal zur Seite, mal in die Vertikale. Als wirkten magnetische Kräfte. Und wer diese dreiste Abkehr von aller Regel näher betrachtet, der muss noch ein weiteres Ärgernis des Unperfekten zur Kenntnis nehmen: Die vermeintlich gleichmäßige Verteilung des Graphits entpuppt sich als Trugbild, die Substanz wurde Linie für Linie aufgetragen.

Epischer mutet Franziska C. Metzgers Installation aus Videos und plakativen Satzfragmenten an. Das Unbehagen wird hier in vier parallel laufenden Videofilmen spürbar: dunkle Wolken über dem Dach des Einfamilienhauses, ein bedrohlich schwankender Baumwipfel, eine nächtliche Autofahrt bei Regen.

Im wahrsten Sinne des Wortes schräg erscheinen dagegen die auf Pappe schief in den Raum hineinragenden Thesen: „Der Hund kaut Holz. Er liebt den Stadtforst sehr. Er würde der Hund eines Försters sein können.“ Da bricht sich das Finstere ins Komische, wie auch die in Reih und Glied aufgestellten Beton-Pokale nach antikem Vorbild an eine schwergewichtige Verballhornung künstlerischer Selbststilisierung erinnert.

Passend dazu lässt sich schließlich ein zweiter Satz wie ein bissiger Kommentar verstehen. Ein Gruß an die Syker Feuerwehr und das Drama um ihr gleich zweimal abgebranntes Gerätehaus: „Gestern wurde der Brand gelöscht, heute wurde der Brand gelöscht, hat also die Feuerwehr schuld?“ Die Antwort bleibt dem Besucher überlassen.

Bis 18. November im Syker Vorwerk. Öffnungszeiten: mittwochs von 15 bis 19 Uhr, samstags von 14 bis 18 Uhr und sonntags von 11 bis 18 Uhr.

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