Reden wir über Kunst

Ausgehend vom Buch „Bildersprachen“ zeigt das Vorwerk 37 Künstler

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Im Konsum gefangen: Christian Holtmann, „Wir haben ihr Kind“. 

Syke - Von Mareike Bannasch. Was treibt einen Künstler an? Und was will er oder sie mit seinem Werk ausdrücken? Fragen, auf die wir an dieser Stelle schon des Öfteren versucht haben, eine Antwort zu finden. Immerhin ist es erst das Reden über Kunst, das aus Werken in einem Ausstellungsraum etwas schafft, dass im Idealfall dauerhaften Einfluss auf den Betrachter haben kann.

Dabei sind es zunächst oft Journalisten, die eine Ausstellung hoffentlich so gut beschreiben und greifbar machen können, dass andere sich direkt vor Ort ein Bild machen möchten. Aber Journalisten allein reichen nicht, wichtig sind auch jene Kunstkritiker, die Eröffnungsreden halten und dabei die künstlerische Intention für alle verständlich machen. Sie fungieren sozusagen als Botschafter der Künstler und formulieren, was diese selbst nicht in Worte fassen können oder möchten.

Einer dieser Kritiker ist Rainer Beßling, ehemaliger Leiter der Kulturredaktion dieser Zeitung. Er hat im November vergangenen Jahres das Buch „Bildersprachen“ herausgebracht, in dem hauptsächlich verschriftlichte Eröffnungsreden zu finden sind, die er zwischen 2010 und 2017 gehalten hat. Eine Sammlung, die nun Ausgangspunkt für die neue Schau im Syker Vorwerk ist. 37 Künstler (darunter sechs aus dem Blaumeier-Atelier) sind dort vertreten - so viele wie noch nie. Und obwohl die Werke nicht einem gemeinsamen Leitsatz untergeordnet sind, hat es Kuratorin Nicole Giese-Kroner dennoch geschafft, überzeugende Beziehungen zwischen den einzelnen Arbeiten herzustellen.

So beispielsweise im Obergeschoss des Vorwerks. Hier finden sich in einem Raum Werke, die sich auf höchst unterschiedliche Art durch einen ästhetischen Umgang mit Text und Sprache auszeichnen. Dazu zählt auch eine ältere Kugelschreiber-Arbeit von Edith Pundt. Drei kleine Rahmen sind es, in ihnen ein Text, den Pundt so oft übereinander geschrieben hat, das vom Ursprung nicht mehr viel zu erkennen ist. Außer vielleicht schwarzes Krickelkrakel. Was das Ganze jedoch nicht weniger eindrucksvoll macht.

Direkt daneben hängen zwei großformatige Arbeiten von Christian Hoffmann, von denen vor allem eine noch länger nachhallt. Der schlichte Erpresserbrief trägt den Titel „Wir haben ihr Kind“ und verdeutlicht nur mithilfe einzelner Buchstaben, wie konsumgesteuert der Nachwuchs dieser Tage aufwächst. In einer Welt der Marken, in der ein Buchstabe für eine Referenz an Spielzeug oder Zeichentrick-Imperium genügt, und sofort Assoziationen in uns weckt. Denn seien wir mal ehrlich: Die Eltern der Kinder von heute waren natürlich genauso markengeil - irgendwoher müssen die lieben Kleinen das ja haben. Eine erschreckende Erkenntnis, aus der sich eigentlich nur ein Schluss ziehen lässt. Aber ist es überhaupt möglich, so ein Leben ohne Konsum und ohne die Waren großer Firmen? Wahrscheinlich, aber solch eine Enthaltsamkeit macht unweigerlich zum Außenseiter. Und das will wohl niemand.

Natürlich gibt es auch Erklärungen zu den einzelnen Künstlern in der Ausstellung, und zwar vom „Bildsprachen“-Autor selbst. Kroner-Giese hat neben alle Werke Texte Beßlings geklebt, die einmal mehr verdeutlichen, was die Künstler beeinflusst hat und antreibt. Und auch wenn ein Teil der Arbeiten neueren Datums ist als die Fragmente der Eröffnungsreden, ist es dennoch möglich, einen Bezug zwischen Text und Zeichnung herzustellen. Oder Videoarbeit. Oder Skulptur. Denn Beßling hat sich nicht auf ein Genre festgelegt, was sich natürlich auch im Vorwerk wiederspiegelt.

Dort gibt es auch eine Videoarbeit von Martin Voßwinkel zu sehen. „Moving Squares“ stammt aus dem Jahr 2016 und zeigt den Künstler selbst, wie er zwei bunte Quadrate auf einer Sackkarre durchs sonnige Durban karrt. Grün und gelb sind die Farben der Formen, die sich fast perfekt dem öffentlichen Raum anpassen. Auch dort ist alles bunt, ja fast schon knallig - kein Wunder, dass der Weiße mit seinem Gefährt den Passanten nur einen kurzen Blick wert ist. Für mehr bleibt ihnen auch gar keine Zeit, sie sind alle beschäftigt, auf dem Weg irgendwohin. Wohin genau, das bleibt ihr Geheimnis.

Genauso wie in den beiden Ölbildern von Jub Mönster. Sie heißen „Rush Hour (1) und (2)“ und zeigen einen Mann sowie eine Frau, die durch die Straßen hasten. Oder über einen Platz, so genau ist es nicht zu erkennen. Sie in Sneakers und mit Turnbeutel, er im Anzug mit einer braunen Tüte in der Hand. Beide schreiten jeweils nach rechts und links, entfernen sich voneinander und haben dennoch eins gemeinsam: eine latente Hektik. Wo auch immer sie hinwollen, es ist dringend, lässt ihnen keine Zeit zum Verweilen. Und obwohl wir nicht mehr sehen als die beiden Einsamen auf fleischfarbenem Grund, fühlen auch wir uns gehetzt. Haben das Bedürfnis, irgendetwas zu machen. Und bleiben trotzdem stehen - um über Kunst zu reden. Minutenlang.

Zum Anschauen

Die Ausstellung ist bis zum 22. April im Syker Vorwerk zu sehen.

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