Ausstellung zum 20. Videokunstförderpreis Bremen

Schönheit des Verfalls

Filmstill aus Susann Maria Hempels „Der große Gammel“.

Bremen - Von Rainer Beßling. Blasen legen sich auf die Bilder, Brand- und Ätzspuren wachsen sich zu Rissen und Löchern aus, Flocken tanzen wie Staubkörner, Insektenschwärme oder aggressive Keime.

Auffaltungen lassen die Motive erst verschwimmen und dann verschwinden. Auf die gefilmten verlassenen Räume und Stapel von Gerümpel legt sich die Zerstörung des Bildmaterials selbst.

„Der große Gammel“ schildert Verfall und Abriss eines ehemaligen Theaters und gibt die fotografisch-filmische Dokumentation selbst der Zersetzung preis. Susann Maria Hempel legt in ihrem Video die Wunden einer ruinösen Architektur schonungslos frei und schafft dabei Bilder von fesselnder Ästhetik. Der viel bemühte Begriff von der „Schönheit des Morbiden“ passt hier. Reizvolle malerische und grafische Momente, verführerische, subtile, geheimnisvolle Farbwerte und Formverläufe, die an organische Prozesse und untergründiges Brodeln erinnern, fesseln auf magische Weise. Die junge Künstlerin komponiert eine stofflich greifbare Alchemie der Abwicklung, ohne das Objekt der Zerstörung vergessen zu machen. Für ihre inhaltlich, formal und technische gleichermaßen hinreißende Arbeit ist sie jetzt mit dem 20. Videokunstförderpreis Bremen, dotiert mit 5 000 Euro, ausgezeichnet worden. Die prämierte Arbeit ist bis zum 24. Februar in den Bremer Kunstsammlungen Böttcherstraße zu sehen.

Die 1983 im thüringischen Greiz geborene, bereits mehrfach ausgezeichnete Videokünstlerin hat die Umwidmung, den Verfall und endgültigen Abriss des kleinen Theaters ihrer Heimatstadt über einen langen Zeitraum begleitet und in einer umfangreichen Bilddokumentation festgehalten. Im „großen Gammel“, dem dritten Teil der Arbeit, setzte sie rund 150 Diafilme zerstörerischen chemisch-biologischen Attacken aus, griff auch in das Scannen und Kopieren ein.

Aus der Eigendynamik der stofflichen Metamorphose und der dramaturgisch sicheren Collage der Verfallsszenen entstand ein „präzis-poetisches Kunstwerk“, so die Jury. Die Dokumentation verwandelte sich in eine Arbeit, die Zerstörung nicht abbildet, sondern sinnlich wahrnehmbar macht, die verblichene Wirklichkeit in bleibender Kunst aufhebt. Wesentlichen Anteil an der Kraft der Arbeit hat der von Hempel geschaffene Soundtrack, Klänge aus der Geschichte des Theaters Greiz, jubilierende Chorpartien, die nun als bitter-melancholischer Abgesang tönen.

Der 2. Preis ging an Eugenia Gortchakova und Kornelia Hoffmann für die Arbeit „Unter einem Hut. Me as a Stranger“. Die Grenzen, die Menschen unterschiedlicher Kulturkreise trotz global geöffneter Schlagbäume trennt, sieht das Künstlerinnen-Duo in jedem Individuum selbst angelegt. Mit der Aufforderung an Menschen unterschiedlicher Nationalitäten, eine Kopfbedeckung anzulegen, die ihnen am meisten fremd ist, wollten sie Empathie für den „Fremden“ gegenüber, aber auch für das Fremde in jedem selbst wecken. Ihre Video-Protokolle des Identitätstausches, in Bremen, Polen, Russland, Indien und Tunesien entstanden, aus drei unterschiedlichen Perspektiven aufgenommen, sind in einer Privatheit vermittelnden Installation zu sehen: in der Fokussierung erster Erfahrung der qua Hut beförderten Fremdheit, des Festhaltens von Empfindungsschilderungen und der Bewegung unterm fremden Utensil.

Kunstsammlungen Böttcherstraße, Bremen, bis 24.2., Di-So, 11-18 Uhr. Eintritt: 5 Euro

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