Immer mehr Verfilmungen stürzen sich auf Indie-Titel

Superhelden aus der zweiten Reihe

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Mit „The Umbrella Academy“ bringt Netflix einen Comic aus der zweiten Reihe auf die Bildschirme.

Syke - Von Jan-Paul Koopmann. Zu den ärgerlichsten Phrasen des Kulturbetriebs gehört die Ansage, ein Buch habe es „ins Kino geschafft“, oder schlimmer noch: „ins Fernsehen“. Meistens hat es ja rein formale Gründe, dass wer einem Stoff den Umzug ins andere Medium zutraut. Und selbst, wenn es mal an seiner Zuschauer-versprechenden Popularität liegen sollte, hat auch das mit Kunst nicht viel zu tun. Die Comics „The Umbrella Academy“, „Deadly Class“ und „Doom Patrol“ haben es folglich nicht ins Fernsehen „geschafft“ – und man wundert sich trotzdem über ihre nahezu gleichzeitigen Serienstarts in bewegten Bildern.

Die drei sind zwar nicht totale Nische, aber in Sachen Bekanntheit spielen sie dann doch eher in der zweiten oder dritten Comic-Liga. Und obwohl es inhaltlich gewisse Nähen gibt, liegen doch Welten zwischen diesen Formaten. „The Umbrella Academy“ auf Netflix etwa tritt als überlanger Spielfilm in Häppchen auf. Comic und Serie erzählen die Geschichte einer Superheldengruppe, die als Kinder gemeinsam aufgewachsen sind und bis heute in ihren eingeübten Konfliken feststecken. Heraus kommen eine Art X-Men auf Crack, die einander in innerfamilier Grausamkeiten übertrumpfen und nebenher mehr schlecht als recht die Welt retten. Die filmische Umsetzung von Gerard Ways wunderbarem Comic, überreizt die Beziehungskiste steckenweise ein wenig. Da werden aus einzelnen Dialogen und wenigen Panels ganze Episoden. Was im Comic lediglich angedeutet wird, verwandelt Netflix in ein schrulliges Familiendrama à la Wes Anderson. Das ist in Comicverfilmungen tatsächlich nur selten zu sehen: Wo sonst tausende Comicseiten auf einen neuen „Avengers“-Film eingedampft werden, lässt sich „The Umbrella Academy“ rund neun Stunden Zeit für 150 Seiten.

Ganz anders verhält es sich bei der Adaption von Rick Remenders „Deadly Class“, die seit Mittwoch auf Syfy zu sehen ist. Hier war die Bildsprache des Kinos bereits unübersehbares Vorbild für den Comic. Perspektivenwechsel und Erzähltempo orientieren sich am Filmschnitt, die Figuren entspringen Teeniefilmen. Wie eine Art „Harry Potter“ für Auftragsmörder erzählt „Deadly Class“ von einer heimlichen Schule, in der Jugendliche zu Assassinen ausgebildet werden. Das Personal entspring dabei dem klassischen us-amerikanischen High-School-Filme: nach Ethnien sortierte Jugendgangs – es gibt sogar Cheerleader. Interessanterweise funktioniert die Serie hier sogar besser als der Comic, der eben doch nur immitiert, was das andere Medium viel besser kann, und sein 80er-Jahre-Setting nebenbei bemerkt auch noch mit einem außergewöhnlich treffenden Soundtrack von Killing Joke über Sisters of Mercy und Dead Kennedys bis zu Bauhaus garniert. Gedruckt erscheinen beide Serien in deutscher Übersetzung im Cross Cult Verlag, der damit mal wieder ein Händchen für erzählgewaltige Quality-Indies beweist.

Ein Sonderfall ist „Doom Patrol“. Ein echter Comicklassiker, der seit 1963 erscheint und von Leuten erzählt, die aus traumatischen Erfahrungen unfreiwillig an Superkräfte gelangt sind und die als Außenseiter nicht wieder zurück in Welt und Leben gefunden haben. Bis heute gefeiert wird die Reihe wegen der verhältnismäßig kurzen Zeit, als Comicstar Grant Morisson als Autor verpflichtet war. Er hat das Sonderbare der Serie zu dadaistischen Höhstformen getrieben: zusammgengehalten hauptsächlich durch ein wirres Netz an Querverweisen in Pop, Kunst und Esoterik. Im Fernsehen fällt das vergleichsweise zahm aus, auch wenn gelegentlich Erinnerungen an diese wunderbar-abgedrehte Phase aufblitzen.

Was die drei unterschiedlichen Ansätze aufzeigen, ist folgendes: Erstens ist Comicverfilmung heute kein Genre mehr, sondern eine Sache, die sich auf grundverschiedene Arte angehen lässt. Und zweitens hat sich die düstere und selbstkritische Phase der Superheldengeschichte mit 30 Jahren Verspätung endlich auch im Fernsehen vollzogen. „Watchman“, Christopher Nolans „Dark Knight“ Trilogie oder Marvels „Jessica Jones“ haben das bereits angedeutet, mit der Independent-Konkurrenz ist es jetzt aber wirklich da. Das Gerne (oder viel mehr: das Sujet) ist unübersehbar erwachsen geworden und beginnt, komplexe und widersprüchliche Figuren für ein Massenpublikum aufzubereiten.

Und das eben nicht, weil es diese Comics ins Fernsehen geschafft hätten – sondern weil der Film es endlich geschafft hat, ihnen immerhin ansatzweise gerecht zu werden.

Zum Angucken

Die Comics „Deadly Class“ und „The Umbrella Academy“ sind zum TV-Start als Neuauflage beim Verlag Cross Cult erschienen. Verfilmt läuft „Umbrella Academy“ auf Netflix, „Deadly Class“ bei Syfy und „Doom Patrol“ auf DC Universe.

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