Neue Comics beschäftigen sich mit „Doctor Strange“

Superheld, Arzt und Hexenmeister

Bremen - Von Jan-Paul Koopmann. Superheld, Arzt und Hexenmeister: Spätestens seit seinem Kinostart vergangene Woche dürfte den meisten klar sein, dass die Rede von Marvels Doctor Strange sein muss. Und während der Film einen echten Traumstart sowohl an der Kasse als auch in den Kritiken hinlegt, drängelt man sich langsam auch an den Comicregalen, um weiter- oder sich vorab schnell noch einzulesen. Das ist allerdings gar nicht so einfach: Pünktlich zum Filmstart erscheinen nämlich gleich vier neue deutschsprachige Doctor-Strange-Ausgaben, die erst einmal nichts miteinander zu tun haben, zwei ganz frische und zwei immerhin mittelalte Klassiker.

Nun ist der auf metaphysische Gefahren, die Verzahnungen des Multiversums und magisch-bedingte Weltuntergänge spezialisierte Superheld bereits seit 1963 unterwegs. Entsprechend groß ist der Fundus an Geschichten, auf die sich zum Einstand in Marvels filmisches „Avenger“-Franchise zurückgreifen ließe. Die getroffene Auswahl zielt nun insgesamt weniger auf die großen Taten des (auf der Leinwand von Benedict Cumberbatch verkörperten) Hexenmeisters – sondern auf jene Geschichten, die seinen Charakter ausdefiniert haben.

„Der Eid“ von „Saga“-Autor Brian K. Vaughan und Marcos Martin etwa ist eine abgeschlossene Geschichte, die Stranges früheres Leben als Arzt in den Mittelpunkt rückt und ihn mit der Wahl quält, entweder seinen Freund oder aber den Rest der Welt zu retten. „Der Eid“ ist fast zehn Jahre alt und war eine der prägnantesten Charakterstudien der Reihe. Und gut erzählt ist er dazu, wie einzelne Szenen und Gedanken aus „Der Eid“ belegen, die sogar im Film aufgegriffen wurden.

Aus der gleichen Zeit stammt auch „Anfang und Ende“, eine modernisierte Nacherzählung der klassischen Entstehungsgeschichte des Helden aus den 60er-Jahren. Die Geschichte ist düsterer als üblich und die Charakterentwicklung zwischendurch eher platt. Schlecht ist der Band darum zwar nicht, er war seinerzeit auch ein echter Hit – zur Filmvorbereitung ist er aber verzichtbar, zumal fürs Kino nun nochmals eine eigene modernisierte Hintergrundgeschichte entwickelt wurde.

Auch die im Gegensatz dazu direkt auf den Film hingeschriebene „Vorgeschichte“ überzeugt leider nicht. Ein kleiner Vorgeschmack auf die neue, an Martial Arts orientierte Ästhetik ist das – inhaltlich passiert allerdings fast nichts. Einzig die im Film nur angerissene Vorgeschichte des Schurken Kaecilius (großartig im Film: Mads Mikkelsen) verleiht dem Charakter noch etwas mehr Tiefe. Es ist und bleibt ein komisches Format, dieser „Comic zur Comicverfilmung“. Richtig interessant ist das wohl nur für Leser, die bereits vertraut mit den alten Comics sind und die Modernisierung einmal ganz in Ruhe ohne CGI-Feuerwerk auf sich wirken lassen wollen.

Auch der beste Band unter den Neuerscheinungen ist eine Neuerfindung der Serie. Jason Aaron Interpretation ist die aktuell laufende Heftserie, Panini legt nun den ersten deutschen Sammelband vor. Erfreulicherweise ohne schon wieder bei der Vorgeschichte anzusetzen, stürzt Aaron den Leser in eine magische Welt mit parasitären Geistern, Trauminvasoren und einem abdriftenden Doctor Strange, um den man sich echte Sorgen machen muss. Anders als im Kino ist dieser Magier offensichtlich schon eine ganze Weile im Geschäft und quält sich langsam doch mit den Nebenwirkungen seiner notorischen Realitätsverdreherei.

Hatte der allererste Strange-Zeichner Steve Ditko noch mit psychedelischen Geistreisen verblüfft, erzielt Chris Bachalo seine Aha-Effekte beim Umblättern heute durch geschicktes Parallelisieren von magischem und weltlichem Bewusstsein: Wir schauen durch Stranges drittes Auge auf einen wahren Geisterzirkus – und gleichzeitig in ein New Yorker Straßenbild, in dem der Erleuchtete scheinbar wie besoffen umher taumelt, während er einem unsichtbaren Dämonen ausweicht.

Der überzeugende Einstieg ins Blockbuster-Kino trifft hier auf die kongeniale Neuschöpfung seiner Papiervorlage – einer Comicserie, die immerhin ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel hat. Beides für sich ist selten genug, so ein doppelter Glücksfall aber eine echte Sensation.

Die Neuerscheinungen:

- Jason Aaron, Chris Bachalo, Kevin Nowlan: „Doctor Strange 1“, Marvel/Panini, 124 Seiten, 14,99 Euro;

- J. Michael Straczynski, Samm Barnes, Brandon Peterson: „Doctor Strange: Anfang und Ende“, Marvel/Panini, 148 Seiten, 16,99 Euro;

- Brian K. Vaughan, Marcos Martin: „Doctor Strange: Der Eid“, Marvel/Panini, 132 Seiten, 14,99 Euro;

- Will Corona Pilgrim, Jorge Fornes: „Doctor Strange: Die offizielle Vorgeschichte zum Film“, Marvel/Panini, 76 Seiten, 5,99 Euro.

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