Das Summer´s Tale in Luhmühlen setzt auf Kultur und Kurzurlaub

Ab auf die Spielwiese

+
Auch die Jüngsten lauschen den Mainstream-Klängen von der Bühne.

Luhmühlen - Von Ulla Heyne. Was soll ein Festival? Diese Frage gilt es spätestens zum am Mittwoch angelaufenen „A Summer's Tale“ bei Lüneburg neu zu beantworten. Schon der erste Eindruck beim Betreten des weitläufigen Geländes in der Nordheide macht klar: Hier geht es nicht nur um Musik.

Unter Bäumen verteilen sich Sitzgelegenheiten, mal im trendigen Pallettenlook, mal im Bauhausstil; illuminierte Palettentürme strahlen in Bonbon-Rosa, und der auf dem Hügel am Eingang platzierte große Schriftzug evoziert nicht von ungefähr Assoziationen zur Traumfabrik jenseits des großen Teichs. Ein Getränkehersteller verteilt Einhornsticker. Vor der großen Bühne spielen Kinder im Sand, nebenan Slackline, Gaukler, Yenga und Twister im XXL-Format – ein gigantischer Kindergeburtstag für Familien und alle die, die dem Kind in sich nachtrauern?

Und ganz wie damals, als Eltern die Kindergeburtstags noch nicht outsourcten, laden jede Menge Workshops – leider schon vor Wochen ausgebucht –, dazu ein, die Kreativität in sich zu entdecken. Wer keinen Traumfänger basteln oder sich im Siebdruck versuchen mag, verrenkt den schwitzenden Leib beim „Acro-Yoga“ oder geht mit der Zeit und Polaroid-Kamera auf Tour. Oder „ext“ bei der Weinverköstigung neun trendige Tropfen unter Anleitung eines hippen Jungwinzers. Von Hardcore-Festivalisten hagelte es dafür schon vorab viralen Hohn: „Handstand-Workshop statt handfestes Line-Up – schon klar“, so ein Kritiker auf Facebook. In der Tat: Wer bei dem viertägigen Spektakel in der Lüneburger Heide ein Musik-Event erwartet, wird – auch ob der nicht eben kommoden Eintrittspreise enttäuscht sein, auch wenn sich das Line-Up mit Künstlern auf zwei Bühnen wie Patti Smith, Damien Rice, Zaz oder William Fitzsimmons recht passabel liest.

Summer’s Tale-Festival in Luhmühlen

Apropos Line-Up: Ein süßer Traum in Bonbon-Rosa – schön stromlinienförmig schwelgt es sich zu den ach so schwermütigen Klängen von William Fitzsimmons oder später bei Headliner Damien Rice, Poppiges für die Mainstream-gewohnten Gehörgänge gibt es mit Dotan oder Belle & Sebastian. Einen wohltuenden Kontrast zu so viel Harmonie liefern „Augustines“ mit erdigem Sound oder auch Roisin Murphy mit ihrer teilweise provokanten Bühnenshow, wenn sie zu „This is a simulation“ die Kopulation mit Bassist und Gitarrist andeutet. Da nuckeln die jüngsten Besucher schon selig an ihren Schnullern, in ihre überdimensionalen knallbunten Gehörschutz eingelullt.

Doch den Veranstaltern geht es nicht nur um Musik: Auch um Entspannung, Kunst und Kultur. Zumindest ersteres gelingt ihnen vortrefflich: Überall entspannte Gesichter, selbst bei den Familien mit Kleinkindern, die einen großen Teil der Besucher ausmachen, Entschleunigung statt Erziehungsstress.

Und der kulturelle Anspruch? In den Wipfeln glitzern die Illuminationswürste, dazwischen Gediegenes, auch kulinarisch, und der Weltumsegler Timo Peters wird, „Entschuldigen Sie die spießige Frage“, nach seiner Krankenversicherung gefragt. Ob einige illuminierte Europaletten, traumgleich angestrahlte spiegelnde Vögel in den Bäumen und einige Graffitikünstler vor Ort den Anspruch von Kunst rechtfertigen, mag jeder für sich selbst entscheiden. Schön anzusehen ist es allemal. Und auch die Mischung aus Lesungen, Vorträgen und Filmvorführungen kommt an. Schon zu früher Stunde diskutieren die Zuschauer mit Regisseur Maximilian Erlenwein dessen Erstlingswerk „Schwerkraft“. Der Film sei so düster geworden, weil „Schreiben so unglaublich anstrengend ist“, verrät der Regisseur, der auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet. Anschließend füllt sich das Zelt, als Heinz Strunk in gewohnt schräger Manier gepflegten Nonsens wie „wirkungsfreie Mantras“ ergießt oder von „Senioren, Generation ohne Zukunft“ berichtet, zuvor hat Timo Peters in seinem Vortrag „Per Anhalter über den Atlantik“ Einblicke in die Welt des Reisebloggen gegeben und verraten: „Ohne Homebase wirst du blöd – irgendwann brauchst du Kneipe und Küche“, verrät der Lebenskünstler. Im Hintergrund stimmen die Dubliner Folk-Popper von Hudson Taylor „Marmor, Stein und Eisen bricht“ an.

Das Festival als holistische Erfahrung? Laut fkp scorpio-Chef Folkert Koopmans ein Trend, der im Ausland schon wesentlich ausgeprägter ist – „etwa das belgische ‚Tomorrowland‘ oder natürlich das Sziget in Ungarn“, schwärmt der deutsche Festival-Papst.

Dem klassischen deutschen Festivabegriff entspricht das Summers Tale sicherlich nicht – keine Schilder, keine Kostüme, Spuren eigener Kreativität der Besucher jenseits des Blumenkranzes im Haar oder des Glitzertattoos sucht man vergebens. Dafür fehlen aber auch Bierleichen, Zeltplätze und Wege sind auch am dritten Tag tadellos sauber.

Ob sich das überdimensionale viertägige rosa Bonbon etabliert? Der Bedarf scheint gegeben; Während an den ersten beiden Festivaltagen zuweilen noch gut Luft ist (eng wird’s nur bei den Schattenplätzen), werden für Freitag und heute doppelt so viele Zuschauer erwartet.

Das könnte Sie auch interessieren

Schock in der Schule: Jugendlicher getötet

Schock in der Schule: Jugendlicher getötet

Pence besucht Klagemauer in Jerusalem

Pence besucht Klagemauer in Jerusalem

Türkei droht mit Ausweitung der Offensive gegen Kurden

Türkei droht mit Ausweitung der Offensive gegen Kurden

Können Sie es erraten - welches Urlaubsland wird gesucht?

Können Sie es erraten - welches Urlaubsland wird gesucht?

Meistgelesene Artikel

„Daphnis“ und „Lost Love“ in Hannover

„Daphnis“ und „Lost Love“ in Hannover

Vor 50 Jahren feierte ein Klassiker des Ostfriesland-Krimis Premiere

Vor 50 Jahren feierte ein Klassiker des Ostfriesland-Krimis Premiere

Bremer Blaumeier-Künstler zeigen neue Arbeiten

Bremer Blaumeier-Künstler zeigen neue Arbeiten

Deutsche Kammerphilharmonie Bremen spielt Louise Farrenc

Deutsche Kammerphilharmonie Bremen spielt Louise Farrenc

Kommentare