Suizid zum Abstimmen

Oldenburgisches Staatstheater bringt „Gott“ auf die Bühne

Ein Setting wie bei Maischberger: Vor kahler Kulisse kämpft Richard Gärtner (Winfried Küppers, 2.v.r.) um das Recht zu sterben.
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Ein Setting wie bei Maischberger: Vor kahler Kulisse kämpft Richard Gärtner (Winfried Küppers, 2.v.r.) um das Recht zu sterben.

Oldenburg – Ein Mann will nicht mehr leben. Richard Gärtner, 78, hat vor drei Jahren seine Frau verloren und nun keine Freude mehr am irdischen Dasein. Vor dem Ethikrat kämpft er um Verständnis für sein Vorhaben, sich beim Sterben helfen zu lassen.

Seine Anwältin, Frau Biegler, setzt sich vehement für ihn ein, agiert kraftvoll, überzeugt, auch mal spöttisch – so, als ob es in einem Strafprozess um sein Leben ginge; was es ja auch tut, wenn auch nicht in der gewohnten Form. Gegner gibt es im strafrechtlichen Sinne keine, nur verschiedene Positionen aus verschiedenen Blickwinkeln, die vorgetragen werden. Die uns vorgetragen werden, uns, dem Publikum, das im Endeffekt überzeugt werden soll.

Denn die Sitzung des Ethikrates, der wir an diesem Abend beiwohnen, ist ein Theaterstück, geschrieben von Bestseller-Autor Ferdinand von Schirach, unter dem Titel „Gott“. Am Ende des Stückes spielen die Zuschauer „Gott“, indem sie darüber befinden, ob Herrn Gärtner in seinem Sinne geholfen werden kann – oder ob die zahlreichen Argumente dagegen, vorgetragen unter anderem von einem Vertreter der Ärzteschaft und von einem Bischof, doch stärker ins Gewicht fallen. Eine knifflige Frage, zweifellos; wie knifflig, das wird sich am Ende zeigen, als das Ergebnis bekannt gegeben wird; doch dazu später mehr.

Von Schirach hat mit einem ähnlichen Versuch bereits vor fünf Jahren für Aufsehen gesorgt, als er unter dem Titel „Terror“ einen Prozess auf die Bühne brachte, der der Frage nachging, ob man ein von Terroristen entführtes Flugzeug mit über 400 Passagieren opfern dürfe, um über 70.000 Menschen in einem voll besetzten Fußball-Stadion zu retten. Das Stück wurde in unzähligen Theatern aufgeführt – auch in Oldenburg – und später auch verfilmt.

Nun also „Gott“ als zweites von drei geplanten Stücken über die Fragen von Fremd- und Selbstbestimmung, Verantwortung und Entscheidung, Schuld und Moral. Wie schon bei „Terror“ führt der Schauspieldirektor des Oldenburgischen Staatstheaters, Peter Hailer, Regie, und wie auch schon seine Kollegen an den Uraufführungs-Häusern in Düsseldorf und Berlin verzichtet er weitgehend auf große inszenatorische Kniffe – einmal abgesehen davon, dass die Darsteller zu Beginn und während des Stückes neben den Zuschauern im Corona-bedingt ausgedünnten Parkett Platz nehmen.

„Gott“ ist in der Oldenburger Inszenierung (und wahrscheinlich überall) eher Diskurs als Theaterstück, eher Austausch von Argumenten als Drama; unter die Haut geht dieser Abend trotzdem, selbst wenn er bisweilen an Diskussionsformate wie „Maischberger“ oder „Anne Will“ erinnert. Das liegt natürlich an der Vorlage, am Thema selbst, und an den verschiedenen Positionen, die vorgetragen werden und in denen man sich wiederfinden kann: an der medizinischen, der theologischen und nicht zuletzt der juristischen. Eingebaut in das Stück hat Schirach die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom Februar dieses Jahres, wonach die ärztliche Beihilfe zum Suizid erlaubt ist – aber nur die Beihilfe. Die Diskussion, die dieser Entscheidung folgte, wird jetzt gewissermaßen auf der Theaterbühne fortgesetzt. Dabei geht es um die Frage, was stärker wiegt: das im Persönlichkeitsrecht festgelegte Recht auf selbstbestimmtes Sterben, das mit der Entscheidung humaner werden kann, wie es die Figur von Richard Gärtner eindrucksvoll ausführt, oder die vielen Argumente dagegen – etwa, wie die Sachverständigen ausführen, dass auch eine 18-jährige mit Liebeskummer den Wunsch äußern könne. Zugespitzt läuft die Diskussion auf die Fragen hinaus: Wem gehört unser Leben? Gott? Dem Staat? Oder nur uns selbst?

Der Zuschauer, der mit einer bestimmten Haltung in das Stück gegangen sein mag, wird sie im Laufe dieser kurzweiligen zwei Stunden gründlich prüfen und hinterfragen – und seine Meinung in den Schlussplädoyers eventuell noch ändern. Das ist die Qualität des Stückes wie auch der Inszenierung, die, in einem schlichten Bühnenbild gehalten (Bühne: Dirk Becker), unaufgeregt zum Nachdenken, zu einer eigenen Haltung zwingt.

Den Schauspielern allerdings wird es nicht gerade leicht gemacht – denn viel zu spielen gibt es nicht, sie müssen fast rein über die Sprache kommen. Emotionales Zentrum ist Winfried Küppers als suizidwilliger Herr Gärtner: Küppers spielt leise, mit einer Nüchternheit, der immer das Flehen im Nacken sitzt; beeindruckend sein Ausbruch, wenn er den Sachverständigen anschreit: „Ihr verdammtes Ethos steht nicht über dem Ethos der Gesellschaft. Warum glauben Sie, Sie dürfen sich für Gott halten?“

Überzeugend auch die Sachverständigen: Klaas Schramm als Mediziner, der ärztliche Arroganz mit starkem gestischen Ausdruck auf die Bühne bringt, ohne die Inhalte zu verraten, Matthias Kleinert als Bischof und Eva Spott als Juristin. Anke Stedingk als Rechtsanwältin Biegler ist eine Art Spielmacherin, die das Tempo bestimmt, was ihr im Laufe der Spieldauer immer besser gelingt; Nientje C. Schwaabe und Tobias Schormann als Mitglieder des Ethikrates und Thomas Birklein als Arzt (der Gärtners Wunsch auf Hilfe nicht entsprechen kann) vervollständigen das Ensemble.

Nach eineinhalb Stunden Diskurs und einer kurzen Pause kommt es schließlich zur Abstimmung über diese Frage: Darf man einem gesunden Menschen ein tödliches Medikament geben, wenn er oder sie das von Ihnen verlangt? Das Abstimmungs-Ergebnis des Premieren-Abends spricht für sich – und spiegelt den Argumentationsaustausch denn auch nahezu perfekt wieder: es lautet 51:51, bei vier Enthaltungen. – Kräftiger, anhaltender Applaus, auch für die Regie.

Weitere Termine sind am 17. und 23. Oktober, jeweils um 19.30 Uhr.

Von Frank Schümann

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