Auf der Suche nach Nachhaltigkeit: „Anna Karenina“ in Hannover

Nur an der Oberfläche

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Die Frage nach dem Sinn des Lebens: Für Anna Karenina (Sarah Franke) geht sie mit Kronleuchter-Schwingen einher.

Hannover - Von Jörg Worat. Die Frage nach dem Lebenssinn – darunter macht's das Staatstheater Hannover diesmal nicht. Und bringt Weltliteratur auf die Schauspielhaus-Bühne, nämlich Leo Tolstois „Anna Karenina“ in einer Bühnenfassung von Armin Petras und einer Inszenierung von Sascha Hawemann.

Eine Kombi, die von vornherein eher einen zupackenden Ansatz als feinstgesponnene tiefenpsychologische Nuancen verhieß. Die Premiere bestätigte das ebenso wie die Neigung des besagten Duos, Theater jederzeit als Theater erkennbar zu machen: Da werden Nebelmaschinen gerne offen sichtbar von den Akteuren bedient und Requisiten wie Stuhl, Bücherregal und Kaffeekanne bei Bedarf schon mal mit Kreide auf die Wand gemalt.

Große Wasserschlachten, wie Hawemann sie bei seiner hannoverschen Version von Tschechows „Drei Schwestern“ angezettelt hatte, bleiben diesmal aus. Überhaupt ist die Inszenierung in Sachen Action vergleichsweise zahm, auch wenn da schon mal jemand am Kronleuchter herumturnt und ausgeprägte Körpersprache zu den Markenzeichen dieses Regisseurs zu gehören scheint.

Das könnte nun das Augenmerk umso mehr auf die Charaktere richten, vor allem auf die Titelfigur, die alles zu haben scheint und der trotzdem etwas fehlt. Sarah Franke spielt die Anna mit einer gewissen Strenge, selbst in Momenten der Verzweiflung, was seine Reize hat, aber die Einfühlung erschwert. Doch fühlt man sich ihr immer noch näher als anderen Figuren, Kitty etwa, der Lisa Natalie Arnold eine derart fiepsige Sprachmelodie verleihen muss, dass es auf Dauer nervt – ihre leicht geistesabwesenden Tanzbewegungen bringen allerdings eine zusätzliche Ebene ins Geschehen.

Am meisten zu bedauern ist Henning Hartmann, der offenbar angehalten wurde, aus Annas stoffligem Ehemann Karenin eine Karikatur zu machen und diese Aufgabe fraglos großartig erledigt, nebenbei auch noch bravourös den kleinen Sohn des Paares spielt, den der Betrachter dann aber fast ernster nimmt als seinen bekloppten Erzeuger. Wenn Hartmann in einer längeren Passage seine Stimme zum Überschnappen bringt, ist das zwar zum Brüllen komisch, bleibt jedoch im Effekt stecken, ganz abgesehen davon, dass sich der Darsteller damit die Stimmbänder zu ruinieren droht.

So bleibt diese im Grundsatz so interessante Konstellation von Menschen, die weder mit sich selbst noch mit ihren Beziehungen klar kommen, letztlich immer oberflächlich. Andreas Schlager und Johanna Bantzer spielen Stefan und Dascha gewohnt souverän, können ihren Figuren aber ebensowenig Nachhaltigkeit verleihen wie Rainer Frank dem großen Zweifler Lewin. Sebastian Schindeggers Hang, eine leicht trotzige Attitüde einzubauen, macht sich auch in seiner Darstellung von Annas Geliebtem Wronski bemerkbar.

Die Beiträge des Live-Musikers Xell und die Video-Einspielungen wirken am ehesten illustrierend, stören die Handlung nicht, bereichern sie aber auch kaum. Und unter dem Strich ist all das für einen mehr als dreistündigen Abend etwas dünn – wenn man vom üppigen Premierenbeifall den Kollegenbonus abzieht, scheint noch keineswegs gesichert, dass sich hier eine Erfolgsinszenierung anbahnt.

Nächste Vorstellungen am 4., 7. und 20.11., jeweils um 19.30 Uhr im Schauspielhaus in Hannover.

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