Weserburg Bremen zeigt Arbeiten von André Thomkins

Suchbild mit Lack

Diese Arbeit stammt aus dem Jahr 1980.

Bremen - Die Idee kam ihm beim Lackieren eines Kinderbetts. Als André Thomkins dem Möbel eine neue Farbschicht verpasste, fielen ihm Schlieren und Muster auf, die der Anstrich auf dem Holz zog. Eine Beobachtung, aus der wenig später die ersten Lackskins wurden – zumindest der Legende nach.

Doch selbst wenn diese Geschichte frei erfunden sein sollte, eindrucksvoll sind die ab morgen in der Weserburg zu sehenden überdimensionalen Arbeiten des Schweizer Künstlers trotzdem. „André Thomkins. überall, aber schwebend“ lautet der Titel der ersten Einzelausstellung unter der Leitung von Janneke de Vries und ist ein deutlicher Fingerzeig, wie sich die neue Direktorin die Arbeit im Museum vorstellt. Denn künftig soll es nicht mehr darum gehen, eine Sammlung in Gänze zu zeigen – stattdessen will das Haus einen Künstler ins Rampenlicht rücken, auch wenn es dafür Leihgaben anderer Sammler und Museen braucht.

Dass es Thomkins für das Debüt geworden ist, kommt dabei nicht von ungefähr. „Er ist mein absoluter Lieblingskünstler aus dem Konvolut“, berichtet de Vries, und beim Gang durch die Schau zeigt sich schon bald warum. Sicher, der Betrachter muss sich auf die Schau einlassen und sich wortwörtlich ausführlich in die Arbeiten hineingucken. Wer dies aber wagt, wird nicht enttäuscht.

Der Zeichner und Aquarellist Thomkins ließ sich von etlichen Künstlern inspirieren, was sich auch in der Weserburg zeigt. Beispielsweise in den 27 Scharnieren, diedort nebeneinander an einer Wand hängen. Ausgehend von Julius Kerners Klecksografien trug Thomkins für die Werke einen Lackfladen auf einer Hälfte eines Blatt Papiers auf. Durch das anschließende Falten druckte sich dieser auf der anderen Seite ab und ergab ein an den Rorschachtest erinnerndes Bild mit hauchdünnen oder auch mal breiten schwarzen Strichen, die nur auf den ersten Blick ein Wirrwarr aus Linien bilden. Wer genauer hinguckt, kann schon ziemlich bald einen Schmetterling, ein Schwarzwaldmädel oder auch eine Bienenkönigin vor schwarz-weißem Hintergrund erkennen. Entdeckungen, die natürlich von Besucher zu Besucher variieren – je nach den Assoziationen und Erinnerungen, auf die er zurückgreifen kann. Jene Gedankenspiele fungierten übrigens auch als Namensgeber für die „Scharniere“: Thomkins leitete den Begriff von Duchamps „Scharnierwörtern“ ab, Begriffe also, die Bilder beim Leser auslösen.

Nicht der einzige Moment, in dem die Ausstellung mit den Assoziationen der Betrachter spielt. So gibt es auch einige Palidrom-Schilder des Künstlers zu sehen, mit denen Thomkins 1968 die Außenfassade des Restaurants Spoerri in Düsseldorf pflasterte. Längliche blau-weiße Plaketten sind es, auf denen Sätze oder Begriffe stehen, die vorwärts wie rückwärts lesbar sind. Zum Beispiel „Rue La Valeur“, ein realer Straßenname aus Paris. Doch nicht nur die Schilder bilden einen Verweis auf die Auseinandersetzung des Künstlers mit Sprache, es gibt auch Stempel auf denen er sich ebenfalls mit Palindromen auseinandergesetzt hat.

Überdimensionales Farbenspiel: André Thomkins „Lackskins“.

Wenngleich all diese Arbeiten bereits die Fantasie des Betrachters über Gebühr stimulieren, sind es am Ende doch die Lackskins, die den Besucher nachhaltig beeindrucken. André Thomkins Antwort auf die zeitgenössische informelle Malerei wartet dabei mit einer eigens von ihm entwickelten Technik auf. Dafür füllte er große Wannen mit Wasser, tropfte Lackfarben auf die Oberfläche und zog diese anschließend mit Strohhalmen und Stäbchen ineinander. War Thomkins schließlich mit der riesigen Zeichnung zufrieden, rollte er einen Papierbogen über die Fläche – der das Ganze wie ein Löschblatt aufsog. Die so entstandenen Bilder machen aber nicht nur auf sich aufmerksam, weil sie schreihend bunt sind. Nein, wie in einer Art übergroßem Suchbild gibt es die Möglichkeit, einiges in sie hineinzulesen. Geduld und Ausdauer, die mehr als gut angelegt sind.

Angucken

„André Thomkins. überall, aber schwebend“, noch bis 11. August, Weserburg Bremen. Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags 11 bis 18 Uhr, montags geschlossen.

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