Die polnische Regisseurin Maja Kleczewska inszeniert William Shakespeares Spätwerk am Hamburger Schauspielhaus

Sturm im Plexiglaskasten

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Piesacken als Erinnerung: Josef Ostendorf (Prospero) und Michael Czachor (Caliban). ·

Von Tim SchomackerHAMBURG · Eine gewisse Müdigkeit ist dem Zauberer Prospero deutlich anzumerken. Weiter als bis zum Bademantel kommt er nicht mehr beim Ankleiden. Es ist ihm auch egal.

Zur Hochzeitstafel seiner Tochter Miranda kommt der frühere Fürst von Mailand und heutige magische Inselherrscher im elektrischen Rollstuhl. Zwischen Segenswünschen für die Jungen und Verwünschungen für die Älteren spuckt er Blut. Was immer Edles einige hundert Jahre Shakespearerezeption in den magisch befähigten, buchbewehrten Inselherrscher hinein oder aus ihm heraus gelesen haben mögen: An diesem Abend ist das alles weggeschlossen im voluminösen, die Lebensmüdigkeit seiner Figur nuanciert auskostenden Körper Josef Ostendorfs. Die polnische Regisseurin Maja Kleczewska hat in ihrer Hamburger Sturm-Fassung die Hochzeit, auf die alles zulaufen sollte, an den Anfang gesetzt. Als müsse das Prinzip Hoffnung erst einmal abgearbeitet werden – um dann genüsslich aufzuzeigen, warum genau dazu wenig Anlass besteht.

Marcin Chlandas Bühne umgreift die Inszenierung im Look eines heruntergekommenen Hotels oder Landhauses. Der Plexiglaskasten, die diversen mit ältlichen Lampen und Tapeten gestalteten Flure, die riesig über dem Geschehen thronende Videowand wirken dabei wie ein Re-Import stilbildender Bühnenbildkunst Marke Volksbühne. Dort residiert Prospero, umgeben wie ehedem von dienstbaren Geistern  – magischen wie Ariel und irdischen wie Caliban oder seiner Tochter Miranda. Kleczewskas Prospero erinnert entfernt an Marlon Brando im „Herz der Finsternis“ in „Apocalypse Now“. Nur dass der Kriegsschauplatz längst weniger militärischer sondern krimineller Natur ist. Das Hochzeitsbankett erinnert dann auch an eine kaum aussichtsreiche Waffenstillstandsverhandlung.

Allein wenn er – aus dem Rollstuhl – Caliban mit einem harten Wasserstrahl piesackt, die den vormals „Wilden“ erinnern sollen, wer ihn gründlich durchzivilisiert hat, oder wenn er Ariel feldherrngleich die nächste magische Inszenierung auseinandersetzt, leuchtet in seinen Blicken und Gesten etwas auf vom früheren Glanz.

Inhaltlich an Prosperos Gewaltpotenzial, theatermäßig an Ostendorfs in vielerlei Hinsicht gewaltigem Schauspielerkörper richtet Kleczewska ihre Sicht der Sturm-Dinge aus. „Des Menschen Seele ist ein dunkler, schleimiger Abgrund“, bringt Prospero diese Sicht auf den Punkt. Nur dass wir es mit Seelen und Abgründen des frühen 21. Jahrhunderts zu tun haben. Was am Deutlichsten daran zu merken ist, das Kleczewska und ihr Dramaturg Lukasz Chotkowski aus Insel-Exotik, Machtgefüge, Magie gewissermaßen ein Beziehungsgeflecht komplettglobalisierten Kolonialismus‘ herausfiltern. So werden aus den clownesken Seeleuten Trinculo und Stephano zwei Frauen (souverän in ihrer grausamen Fahrigkeit: Kathrin Wehlisch und Carolin Conrad), die an mit dem Flugzeug leicht erreichbaren Traumstränden nach sexueller Erfüllung suchen. In bezeichnendem Auseinanderklaffen von Sprache und Handhabung schleudert Wehlisch den von Michal Czachor mit auswegloser Agilität gespielten Caliban im bizarren Beischlafanbahnungsspielchen zu Boden, während sie ihre vulgär-trunkene Freundin anherrscht: „Das ist mein Untertan und der erduldet hier keine Beleidigungen“.

Die dramatische Gegenposition mit Prosperos machthungrig verkniffenen Bruder Antonio und dessen verbündetem Neapolitanerkönig Alonso bräuchten der Zauberer und seine Entourage eigentlich gar nicht. Abgründig genug sind sie selbst. Kleczewskas Fassung mag ihre Längen haben, das Ensemble nicht durchgehend mit dem Hauptdarsteller auf Augenhöhe und manches Bild sogar ein wenig altmodisch sein – der krachig lange stehende „Schlussakkord“ eines in diversen Einzelbildschleifen komponierten Deliriumstableaus lässt sich mit einigem Vergnügen betrachten.

„Der Sturm“ ist morgen sowie am 16. und 23. Februar und 9. März im Deutsch Schauspielhaus in Hamburg zu sehen

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