Die Bremer Glocke erlebte eine äußerst ungewöhnliche „JazzNight“

Die Stunde der Selbstorchester

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Bugge Wesseltoft ·

Bremen - Von Tim Schomacker. Vielleicht kann man es sich so vorstellen: Der norwegische Pianist und Keyboarder Bugge Wesseltoft wird gefragt, ob er in der Doppelkonzerttourneereihe „JazzNight“ auftreten möchte.

Gern, sagt er. Mit welchem Ensemble er denn kommen wolle? Der 1964 geborene Musiker hat mit Jan Garbarek oder der Sängerin Sidsel Endresen gearbeitet, Solistisches veröffentlicht und NuJazz-Formationen geleitet. Am liebsten mit gar keinem Ensemble, antwortet Wesseltoft. Wie es denn wäre, wenn man eine Auswahl der auf seinem Label Jazzland Records veröffentlichenden Musikerinnen und Musiker präsentiert? Das hatten wir zwar noch nicht, meint die Konzert-Direktion, aber gut.

Beim Konzert in der Bremer Glocke passierte eine erfrischende Umkrempelung des populären (an Überraschungen eher armen) Jazz-Formats. Das im seichten Wasser hochgradiger Professionalität versinkende Quartett des Schlagzeugers Wolfgang Haffner aus dem zweiten Set wurde von einer Reihe relativer No-Names aus Skandinavien an die Wand gebrezelt.

Denn erstens verzichteten sowohl die drei Soloauftritte von Klavier, Stimme und Saxophon als auch das Trio des Geigers Ola Kvernberg durchgehend auf Hochleistungsmusik. Zweitens standen da Musizierende, die sich offensichtlich dafür interessieren, was in ihrer eigenen Epoche musikalisch (sonst) so passiert. Drittens erwiesen sich die Auftritte der Vokalistin Mari Kvien und des Saxophonisten Hakon Kornstad insofern als äußerst gegenwärtig, als sie sich ganz selbstverständlich zum Selbstorchester machten. Kvien schichtete vokales Material durch den Sampler und zeigte so, wie man einen Technotrack mixt. Derart drückende Bässe hatte man in der JazzNight-Reihe noch nicht gehört. Geschweige denn solche, die allein mit der Stimme erzeugt wurden. Über ihr hier dubmäßig groovendes, dort rhythmisch katalogisiertes Material legte Kvien entweder ihre hochlagige, freifolkige Sopranstimme – oder spielte nur mit den Lippen eine Trompetenfigur.

An diesem Abend konnte man beobachten, dass „neu“ oder „originell“ auch relative Kategorien sein können. Wie Kornstad sein Saxophon rhythmisch ploppend oder multiphonisch einsetzt, ist anderswo gewöhnlich. Hier zieht’s Aufmerksamkeit auf sich. Tatsächlich überraschend dann der Moment, in dem Kornstad im zweiten Stück das Horn beiseite legt – auch hier bleiben die zuvor eingespielten Patterns elektronisch erhalten – und als Sänger zu einer Belcanto-Arie ansetzt. Wesseltofts eigenes pianistisches Selbstorchester hatte zu Beginn weniger die Klangtechnologie als den beherzten Griff in die Jazzkiste genutzt. Eine hübsche, aus den tiefen Lagen des Instruments kommende und auf lange Läufe nahezu gänzlich verzichtende Grüblerei über das Jazz-Piano als solches. Im Trio mit dem auch in schnellen und komplexen Passagen bemerkenswert leise und leicht agierenden Erik Nylander und dem tänzerisch treibenden Kontrabass Steinar Raknes‘ fragte der Violinist Ola Kvernberg zum Abschluss der ersten Konzerthälfte, wie sich die Americana eines Bill Frisell aus skandinavischer Perspektive nutzen lassen.

Zu all dem fiel dem Quartett des Schlagzeugers Wolfgang Haffner wenig mehr ein als auf die Unangreifbarkeit zu setzen. Präzises Timing, perfektes Arrangement: Klar ist das beeindruckend. Irgendwie. Aber so richtig aus dem Quark kamen Haffner und seine Mannen erst in der abschließenden Jamsession mit allen Musiker/innen – geleitet von Wesseltoft, der ganz am äußeren Bühnenrand grinsend an den Knöpfchen seines kleinen alten Synthesizers drehte.

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