Currentzis dirigiert Mozarts „Così fan tutte“ beim Musikfest Bremen

Stürmische Liebeswirren

„Così fan tutte“ in der Glocke – dezent, aber hinreichend eingerichtet mit Konstantin Suchkov (v.l.), Mingjie Lei, Paula Murrihy, Nadezhda Pavlova und Teodor Currentzis mit seinem MusicAeterna-Orchester. Foto: Kay Michalak

Bremen - Von Markus Wilks. Wenn Teodor Currentzis dirigiert, kommt das einer Achterbahnfahrt durch die Partituren gleich: Himmlisch schöne Momente und Adrenalin pur prägten denn auch die konzertante Aufführung der Mozart-Oper „Così fan tutte“ in der Bremer Glocke; einen Tag nach der Verleihung des Musikfest-Preises an den Dirigenten. Und das Musikfest-Publikum? Erneut stehende Ovationen.

Es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis Teodor Currentzis mit dem Musikfest-Preis ausgezeichnet werden würde. Schon zu Beginn der großen internationalen Karriere setzte das Musikfest-Team auf den griechischen Dirigenten und wurde seit 2015 kontinuierlich mit im positiven Sinne aufregenden Konzerten belohnt. Quasi als „Preview“ einer Aufführungsserie der drei sogenannten Da-Ponte-Opern in Wien und Luzern stand in Bremen „Così fan tutte“ auf dem Programm – ein durchaus komisches Werk über ein bitterböses Experiment: Zwei junge Liebhaber geben vor, in den Krieg ziehen zu müssen, kommen jedoch verkleidet zurück, um die Treue ihrer Bräute zu testen. Das Experiment geht gründlich schief, doch besänftigt Mozart die Sinne mit der Musik.

Teodor Currentzis und sein erneut furios spielendes Orchester MusicAeterna (sowie der tadellos singende MusicAeterna Chor) spitzen die Gefühle zu. Abgründe und jubelnde Momente werden lautstark und energisch ausgeformt, Liebesglück und Sehnsucht oft in den schönsten Farben zelebriert. Currentzis beschleunigt und dehnt die Musik, so wie er es als richtig empfindet und verliert dabei nie die Spannung. Sogar in den Abschiedsszenen, für die er sich alle Zeit der Welt nimmt und fast schon quälend lang ausformt, beglücken Spielkultur und Konzentration.

Doch Currentzis ist nicht nur ein genialer Animateur und Tänzer am Pult, sondern auch ein Meister, der seine sechs Gesangsschüler – so scheint es – am liebsten noch im Konzert in die Geheimnisse der Mozart-Welt einweihen möchte. Er singt jede Silbe mit und dirigiert (manchmal zur Freude des Publikums) den Sängern quasi bis in die Stimmbänder hinein, aber er weiß sich manchmal auch zurückzunehmen. Bewunderungswürdig sind die Souveränität, die Spielfreude und die subtile Gestaltung der sechs Solisten, die insgesamt über gute Stimmen verfügen. Exemplarisch für Currentzis‘ Mozart-Verständnis sind die ätherisch schönen Töne, mit denen Nadezhda Pavlova (Fiordiligi) die Glocke verzaubert – das ist absolute Spitzenklasse. Glücklicherweise besitzt sie auch die Kraft, um dramatische Momente wie die „Felsenarie“ ausdrucksstark zu meistern. Als Bühnenschwester Dorabella bringt Paula Murrihy einen gut geschulten, etwas herb klingenden Mezzo ein, der in den Arien zur Geltung kommt. Anna Kasyan (Despina) profiliert sich als begnadete Entertainerin, die mit eher wenig Stimme eine wirkungsvolle Bühnenshow abliefert – auch das ist typisch für Currentzis, dass er perfekt mit den Stärken und Schwächen seiner Solisten arbeitet.

Bei den Herren setzen Mingjie Lei (Ferrando) und Konstantin Suchkov (Guglielmo) deutliche Kontraste, wobei sie mit wundervollen Pianomomenten (Lei) oder auftrumpfendem Sprechgesang (Suchkov) für sich einnehmen können. Als Spielleiter des menschlichen Experiments fungiert Konstantin Wolff (Don Alfonso), dessen trockener Bassbariton oft zwischen zwei Stimmfarben wechselt. Nina Vorobyova zeigt sich für die dezente, aber völlig hinreichende szenische Einrichtung dieser konzertanten Wiedergabe verantwortlich, in der alle Solisten auswendig singen und nach 220 Minuten anstrengendem Mozart-Glück (lange Rezitative) gefeiert werden.

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