Marc Becker inszeniert am Oldenburgischen Staatstheater Max Frischs „Biedermann und die Brandstifter“

Stresstest für die moralische Gesinnung

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Der Boden voller Asche und doch wieder Brandstifter im Haus: Für Babette Biedermann (Caroline Nagel) ist ihr Ehemann (Bernhard Brackmann) ein Feigling. ·

Von Johannes BruggaierOLDENBURG · Alles schön und gut, sagt die Deutschschülerin im Foyer des Oldenburgischen Staatstheaters. Aber „Biedermann und die Brandstifter“ sei ihr schon bei der Lektüre zu „belehrend“ vorgekommen. All die didaktischen Fingerzeige auch noch auf der Bühne: Das hätte sie sich gerne erspart.

Irgendetwas muss da schief gelaufen sein bei der Textvermittlung. Schließlich steht doch schwarz auf weiß „Ein Lehrstück ohne Lehre“ auf dem Buchcover. Was freilich nicht bedeutet, dass sich Lehrkräfte dafür interessieren. So war Max Frischs Dramatik schon immer einer Fehlinterpretation durch wohlmeinende Pädagogen erlegen: als Mahnmal gegen den Faschismus, als dramatische Variante des Slogans „Wehret den Anfängen!“. Umso löblicher erscheint es, wenn Lehrer ihre Schüler ins Theater schicken. Und wie gut, dass es da Regisseure wie Marc Becker gibt, die das Stück als das zeigen, was es ist: nämlich ein Modellversuch, ein Stresstest für unser ethisches Bewusstsein.

Dass dieser Stresstest reichlich Sprengstoff in sich birgt, wird auf der von Nadia Fistarol eingerichteten Bühne nur allzu offensichtlich. Mit Peng und Bumm fliegen da gleich zu Beginn die Knaller in die Luft, Rauchschwaden lasten von da an schwer im schwarzen Raum, der Boden ist mit Asche übersät. Kein Zweifel, die Brandstifter haben hier bereits ganze Arbeit geleistet, und es gehört schon eine ganze Menge Naivität dazu, ihnen mitten im Pulverdampf ein weiteres Mal die Gelegenheit zum Zündeln zu geben.

Denn davon handelt ja dieses Stück: vom braven Herrn Biedermann, der sich nicht traut, zwei dreiste Betrüger abzuwimmeln. Der sich bequatschen lässt, sie auch noch zu bewirten und ihnen eine Schlafstätte anzubieten. Der Zeuge wird, wie die ungebetenen Gäste Benzinfässer und Zündschnüre in sein Haus schleppen. Der sich das alles so lange schönredet, bis seine Bude in die Luft fliegt. Die Frage ist, ob das alles wirklich geschieht.

Was sich in Marc Beckers Inszenierung abspielt, ist nämlich weniger eine Handlung als eine Überlegung, ein fiktives Gedankenspiel, das im Bewusstsein der Hauptfigur stattfinden könnte. Erkennbar wird das schon daran, dass Regieanweisungen vielfach nur mündlich vorgetragen werden: Hör- statt Schauspiel, Kopftheater statt didaktische Fingerzeige.

Gottlieb Biedermann (Bernhard Hackmann) ist ein bürgerlicher Grünenwähler im schlabberigen Rollkragenpullover. Seine Wohnung ist bloß im Miniaturformat vorhanden. Sofa, Badezimmer, Kleiderschrank: alles nur Deko-Elemente auf den im Raum verteilten Gastro-Tischen. Trautes Heim als Versuchsanordnung.

Herein kommt weniger ein klassischer Betrüger als vielmehr die Karikatur desselben. Josef Schmitz (Klaas Schramm) ist eine wüste Gestalt mit wirrem Haar, man möchte so jemandem nicht im Dunklen begegnen. Und schon gar nicht möchte man ihn aus dem eigenen Hausflur verscheuchen müssen. Weshalb Biedermann sich genötigt sieht, dem Herrn erst mal was zu trinken anzubieten.

Typisch Biedermann, findet seine Frau Babette (Caroline Nagel) dieses Verhalten: gutgläubig, naiv und immer auch ein bisschen feige. Womit sie – selbst feige – die Verantwortung für die unfreiwillige Kost und Logis an ihren Mann abgibt.

Biedermann wird zum Gefangenen seines familiären Führungsanspruchs, aber auch seiner politischen Überzeugungen. Was nämlich wären seine bürgerlichen Sonntagspredigten für mehr Toleranz und Menschenliebe denn schon wert, würde er die nächstbesten Obdachsuchenden gleich vor die Tür setzen?

Wenn dann auch noch Schmitz’ Kollege Willy Eisenring (Denis Larisch) auftaucht und mit perfider Rhetorik seinerseits ein Bleiberecht einfordert, fallen Biedermann bloß seine Toleranzphrasen vom Grünen-Stammtisch ein. Doch ein richtiges Leben im falschen ist bekanntlich nicht möglich. Weshalb sich mit Moral nichts ausrichten lässt bei Menschen, die sich dieser Kategorie dreist entziehen: Klar wollen wir dein Haus anzünden, so what?

Wie Becker das inszeniert, wie er die Diskrepanz offenlegt zwischen moralischem Anspruch in der Theorie und unmoralischem Handeln in der Praxis, das zeugt insgesamt von fundierter Lektüre und Bewusstsein für schlüssige Bühnenästhetik. Dass es gleichwohl dauert, bis sich aus der Grundidee tiefgreifendere Konflikte entwickeln, liegt erstens in einem etwas zu hastigen Tempo begründet; zweitens auch in Bernhard Hackmanns stellenweise allzu tölpelhaft angelegtem Figurenverständnis. Letzteres findet immerhin einen Ausgleich, wenn er Biedermann in einem durchaus eindrucksvollen Monolog die Lücke suchen lässt, die ihm in diesem Gedankenexperiment einen Ausweg ermöglicht hätte.

„Ich weiß, was Sie jetzt denken“, ächzt er da ins Publikum. Hätte man ihm sein naives Verhalten vor einer Woche prophezeit, hätte er dieses auch nicht für möglich gehalten. Aber mal ehrlich: „Zu welcher Zeit hätte ich die Brandstifter denn… Wo hätte ich sie… Wie hätte ich…“

Den „Brandstiftern“ Klaas Schramm und Denis Larisch gelingt es derweil, ihre Figuren in comichafter Plastizität zu zeichnen und dabei die charakterliche Differenzierung zwischen dem tumben Ringer hier sowie dem gewieften Rhetoriker dort überzeugend auszubalancieren – das alles im Unterschied zum mitunter etwas klamaukigen Zwei-Mann-Chor in Nachtwächter-Montur (Thomas Birklein und Rüdiger Hauffe). Großartig ist Caroline Nagel, die in Biedermanns Ehefrau den Widerspruch aus dem Ekel vor der Feigheit des Ehemans einerseits und der eigenen Feigheit andererseits wunderbar sinnhaft werden lässt.

Nein, Belehrung ist an diesem Abend nicht zu befürchten. Sogar der leicht didaktisch geratene Schluss chor fällt sicherheitshalber dem Rotstift zum Opfer. Was aus dem Gezeigten zu lernen ist: In der Schule erklärt so was der Lehrer. Im Theater darf man sich das selbst ausmalen.

Weitere Vorstellungen: am 12., 16. und 23. November, jeweils um 20 Uhr.

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