Universal bringt Boxen mit Werken für Gamben, Lauten und Gregorianische Chöre heraus

Streng im besten Sinne

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Kreiszeitung Syke

Hannover - Von Jörg Worat. Klassikfreunde bekommen zur Zeit CD-Boxen mit hochwertigen Aufnahmen aus den Archiven geradezu nachgeschmissen – oft genug zu Spottpreisen.

Dagegen ist natürlich prinzipiell nichts einzuwenden, doch steigt bei diesem Publikationsmodus die Gefahr der Überschneidungen. Da findet sich etwa ein und dieselbe Einspielung in mehreren Boxen, wenig verwunderlich, wenn das Oberthema der Zusammenstellung der Komponist, der Interpret oder das Label sein kann. Und vor allem ist das Repertoire irgendwann erschöpft: Braucht man wirklich die 17. Version von den „Vier Jahreszeiten“, und sei sie noch so schön?

Dass es auch origineller geht, beweist nun Universal mit drei Boxen zu je vier CDs aus der Reihe „Archiv Produktion“. Eine stellt Gambenmusik in den Mittelpunkt, die zweite Klänge der Laute, die dritte Gregorianische Gesänge. Zum Gutteil handelt es sich um CD-Erstveröffentlichungen, die Aufnahmen umfassen mannigfache Spielarten der Alten Musik und stammen aus den 50er und 60er Jahren. Die Klangqualität ist mehr als zufriedenstellend.

Wenn man diesen Einspielungen die Entstehungszeit gleichwohl anhört, hat das vor allem einen positiven Effekt. Denn damals ging es noch nicht vorwiegend um die Suche nach neuen Trends, weder Aufdringlichkeiten noch Aufhübschungen spielten eine Rolle. Ja, es klingt dezent, streckenweise sogar etwas streng, aber nur im besten Sinne.

Aus heutiger Sicht am exotischsten wirkt vielleicht die Gambenbox, die Interpretationen von August Wenzinger enthält. Der Pionier für Aufführungen mit historischen Instrumenten spielt Kniegeigen verschiedener Tonlagen, mit wechselnden Begleitern. Eine musikalische Reise durch Europa: Die erste CD bietet Werke der Engländer Henry Purcell und Orlando Gibbons, auf der zweiten wird’s mit französischer Musik von Marin Marais sowie François und Louis Couperin eleganter, aber auch etwas oberflächlicher. Kontrastprogramm auf CD Nummer drei mit Bach-Sonaten für Gambe und Cembalo und einer Komposition des ungleich weniger bekannten August Kühnel. Vervollständigt wird die Box mit Werken, auf denen Wenzinger Cello spielt, was paradoxerweise zuweilen spröder wirkt – dieser Vorwurf wird ja üblicherweise gerade dem Gambenton gemacht. Als Spezialitäten finden sich hier schließlich auch zwei Kompositionen für Ensembles mit der Glasharmonika, etwa das Adagio und Rondo aus Mozarts Feder.

Geläufiger als die Viola da gamba ist heutzutage die Laute. Das heißt aber noch lange nicht, dass Komponistennamen wie Diego Ortiz, Hans Neusidler oder Santino Garsi in aller Munde wären. Walter Gerwig spielte ihre Werke ebenso ein wie Bachs Suite für Laute in g-moll, 1949 offenbar die erste Aufnahme dieses Klassikers überhaupt. Die Box enthält Solo-Stücke, solche für kleine Besetzung, Joseph Bodin de Boismortiers wunderbar rund interpretiertes Ballett „Daphnis et Chloe“ für elf Musiker und großartige Lieder, unter denen diejenigen des Oswald von Wolkenstein noch hervorstechen: Viel anrührender geht’s kaum – und es klingt kein bisschen verstaubt.

Von ganz besonderem Wert sind schließlich die Gregorianischen Gesänge, entstanden zwischen 1952 und 1959, als Marketingaspekte noch kaum eine Rolle gespielt haben dürften – der große Esoterikboom begann ja erst später. Jedenfalls wussten die Benedektinermönche der Erzabtei Beuron in Baden-Württemberg unter der Leitung von Pater Maurus Pfaff bei aller Spiritualität eine geerdete Stimmung zu erzeugen, die dieser Musik bestens zu Gesicht steht, und die zusätzliche Messe mit dem Chor der Benediktinerinnen der Abtei Unseren Lieben Frau in Varensell bildet da keine Ausnahme. Zeitlose Klänge unter anderem mit Weihnachts-Vespern, einer Ostersonntags-Messe und Gesängen für die Palmsonntags-Prozession.

Das Erscheinungsbild der drei Boxen ist ebenso schlicht wie ästhetisch, die CDs stecken in Reproduktionen des legendär wissenschaftlich-reduzierten Archiv-Original-Designs, und es gibt jeweils ein Booklet mit den Aufnahmedaten nebst einem kurzen Essay.

Archiv Produktion – Music for Viola da gamba, Music for Lute, Gregorian Chant (je 4 CDs, Universal)

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