Karsten Dahlem zeigt „Romeo und Julia“ am Staatstheater

Streichquartett am Pool

Romeo und Julia (oben: Alexander Prince Osei und Katharina Shakina) lieben sich, Lorenzo (Claaas Schramm, l.) und Papa Capulet (Jens Ochlast) sorgen sich. Foto: Stephan Walzl

Oldenburg - Von Rolf Stein. Shakespeare wird es wohl egal gewesen sein, dass sich Generationen von Regisseuren wegen der Nachfrage nach seinen Stücken immer wieder neu fragen lassen müssen, was man mit, zum Beispiel, „Romeo und Julia“ jetzt schon wieder anstellen könnte.

Im Nordwesten gibt es in dieser Angelegenheit nun Anschauungsunterricht. Gerade hat das Oldenburgische Staatstheater das Stück in der Regie von Karsten Dahlem aufgelegt, Anfang Mai darf Leonie Böhm am Theater Bremen ihre Sicht de Dinge zeigen. Der Titel lautet: „Fuck Identity – Love Romeo“. Werktreue my ass. Wobei auch Dahlem sich durchaus ein paar Freiheiten herausnimmt. Wenn er zum Beispiel Mercutio zwischendurch einen putzig-deftigen Monolog auf Englisch halten lässt. Und überhaupt Romeo und seine Freunde ziemlich halbstark auftrumpfen lässt. Sehr zur Freude übrigens der zahlreichen jungen Zuschauer, teils offenbar schulklassenförmig organisiert, die mit uns in der zweiten Vorstellung sitzen.

Ihnen wird in nicht ganz drei Stunden einiges geboten – zugegeben, zwischendurch auch mal ein bisschen Langeweile, aber überwiegend dann doch ein Theaterabend, der mit Schabernack und Kokolores unterhält. Und dabei wohl nichts grundlegend Neues zur romantischen Liebe zu sagen hat, aber das, was er erzählt, zumindest in markante Bilder gießt.

Dass Romeo mit dem afrodeutschen Schauspieler Alexander Prince Osei besetzt ist, während Julia von der im ukrainischen Lemberg gebürtigen Katharina Shakina gespielt wird, ist wahrscheinlich so sehr eine dramaturgische Setzung wie es von beiden wie selbstverständlich genommen wird. Dass die Familien gegen diese Liebe mit aller Macht vorgehen, scheint derweil in keiner Minute mit Rassismus im herkömmlichen Sinne zu tun zu haben. Es genügt, Blut für dicker als Wasser zu halten.

Bekanntlich vermittelt zwischen diesen Konfliktparteien vor allem Pater Lorenzo, der in Oldenburg eine eher obskure Gestalt ist, tätowiert, immer ein bisschen Opium für das Volk in der Tasche und eine Flasche Wodka in der Hand, immer auf der Seite der Menschlichkeit. Leider aber eben auch etwas vergesslich. Der Brief, der den verbannten Romeo im Exil darüber informieren sollte, wie er doch noch mit Julia zusammensein könnte, vergisst Lorenzo. Weshalb es zu dem bekannten Ende kommt: Romeo findet Julia scheinbar tot in der Gruft der Capulets, bringt sich in seiner Trauer um, Julia tut es ihm gleich, als sie bei ihrem Erwachen den Geliebten tot vorfindet.

In diesem letzten Teil der Tragödie hat Karsten Dahlem Jux und Dollerei weitestgehend von der Bühne verbannt. Es wird ernst. Und ernster noch als bei Shakespeare. Wo bei jenem Lorenzos Plan am Ende doch noch aufgeht, über die verbotene Liebe von Romeo und Julia die aufs Blut verfeindeten Familien Capulet und Montague zu versöhnen, ist nur Gemetzel. Und die nächste Generation, hier noch im Kindesalter, macht einfach weiter.

Derlei Düsternis am Ende war nicht unbedingt zu erwarten, nachdem Dahlem zuvor einiges aufgeboten hat – punktuell leider auch mal zulasten der Sprachverständlichkeit: von Streichquartett und Schlagzeug (Musikalische Leitung: Hajo Wiesemann) über überlebensgroße Filmprojektionen und schmissige, von Robert Schnöll choreografierte Degenkämpfe bis hin zu einem in der Bühnenmitte (Bühne und Kostüme: Inga Timm/Franziska Sauer) eingerichteten Pool, der für allerlei neckische und weniger neckische Wasserspiele taugt.

Mit dieser Fülle theatraler Mittel nimmt Dahlem das typische Schillern Shakespeares hin, anstatt das reiche Material auf einen zentralen Aspekt hin zu verdichten. Das Ensemble weiß es mit viel Spielfreude zu danken. Neben Shakina und Osei, die das junge Glück rauschhaft unbekümmert greifbar machen, überzeugen Nientje C. Schwabe und Jens Ochlast als Julias Eltern. Toll auch Agnes Kammerer als Tybalt ganz in Schwarz. Claas Schramm ist als Lorenzo eine angenehm halbseidene Geistlichenfigur, Rajko Geith als Mercutio und Johannes Lange als Benvolio dürfen nach Kräften in Komödie machen, Thomas Liechtenstein als überreifer Freier Graf Paris gibt souverän den greisen Lustmolch, Gerrit Frers verleiht dem alten Montague ausreichend Missmut.

Weitere Termine:

Morgen, 18 Uhr; Sonntag, 24. März, 15 Uhr; Dienstag, 2. April, 19.30 Uhr, Freitag, 12. April, 19.30 Uhr, Großes Haus, Oldenburgisches Staatstheater.

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