Gesellschaftliche Rituale, Naturgewalten und elementare Stoffe: Ingeborg Lüscher in der Bremer Galerie für Gegenwartskunst

Strategien der Wirtschaftswelt auf dem grünen Rasen

Leuchtendes Schwefelgelb: Plastiken von Ingeborg Lüscher in der Bremer Galerie für Gegenwartskunst. ·
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Leuchtendes Schwefelgelb: Plastiken von Ingeborg Lüscher in der Bremer Galerie für Gegenwartskunst. ·

Bremen - Von Rainer Beßling. Fußballfans dürften die Gesichter einiger Spieler vertraut sein. In diesem Outfit haben sie die Sportler auf dem Rasen wohl noch nicht gesehen.

In Maßanzügen treten im Video von Ingeborg Lüscher die Mannschaften von Grashoppers Zürich und FC St. Gallen gegeneinander an. Der Dress lässt bereits die fußballerischen Aktionen befremdlich erscheinen. Richtig skurril geraten die Jubelgesten und rituellen Umarmungen im feinen Zwirn.

Merkwürdig erscheinen zudem einige Finten und Absprachen, die fern der geläufigen fußballerischen Taktik liegen. Auch mischen sich im Film immer wieder sportfremde Objekte in das Spiel. Und wenn am Ende der Begegnung die Kontrahenten in eine „Fusion“ verfallen, so der Titel des Videos, dann staunt nicht nur der Unparteiische Urs Meier. Ingeborg Lüscher präsentierte ihre schräge Parabel über Männerkämpfe in Sport und Erfolgsstrategien im Business mehrfach erfolgreich in renommierten Kunstschauen und auf Filmfestivals. Der Streifen aus dem Jahr 2001 hat inzwischen einen erheblichen Bekanntheitsgrad erreicht und im Werbekontext dankbare Nachahmer gefunden. Noch bis zum 21. Oktober ist er neben anderen Arbeiten der 1936 in Sachsen geborenen und im Tessin lebenden Künstlerin in der Bremer Galerie für Gegenwartskunst zu sehen.

Mit „Our Chinese Friends“ hat die medienübergreifend arbeitende Wahlschweizerin eine weitere filmische Arbeit in die Ausstellungsräume von Barbara Claassen-Schmal gebracht. Auch darin geht es um Spiel und Ritual, erneut sorgt professionelle Aufnahme- und Schnitttechnik für eine eindrückliche filmische Ästhetik. Der Betrachter wird mitten in das turbulente Treiben in einem Pekinger Lokal hineingezogen. Die aufgekratzten Bargäste sind in eine Art Schattenboxen verstrickt: Sie deuten Ohrfeigen, Nasen stüber und Küsse an. Die pantomimischen Gesten, die Geschick und Schnelligkeit verlangen, pendeln zwischen Andeutungen von Zärtlichkeit und Gewalt.

„Bienchenspiel“ heißt das vielleicht mit dem hiesigen „Stein, Schere, Papier“ vergleichbare Vergnügen. Die Kamera, zugleich neutral und mitten im Geschehen, fokussiert die hektische Aktionen der Hände, die angespannte und ausgelassene Mimik, die hoch-, vor- und zurückschnellenden Körper. Die Spiellaune nimmt Fahrt auf, die physische Dynamik steigert sich – nicht zuletzt weil die Verlierer jeweils ein Wasserglas Schnaps zu leeren haben. So steht das Spiel immer mehr auf der Kippe zur Aggression. Die Simulation von Tätlichkeiten droht in reale Gewalt umzuschlagen. Folgt der Zuschauer den launigen Aktionen anfangs noch amüsiert, sieht er schließlich eher mit ungläubigem Staunen und Befremden dem alkoholbefeuerten Freizeitspaß zu.

Die zumeist mit gesellschaftlichen und politischen Phänomenen befassten Filme Ingeborg Lüschers repräsentieren allerdings nur einen kleinen Ausschnitt des breiten Schaffens der ehemaligen Schauspielerin. Ihr Interesse richtet sich ebenso auf psychologische Fragen wie auch auf spirituelle und esoterische Phänomene. Besonders angetan ist sie von den Grundkräften und -elementen der Natur, was sich in einer Reihe von fotografischen Arbeiten in der Bremer Galerieausstellung widerspiegelt.

Einen breiten Raum in Lüschers Schaffen nimmt Schwefel ein, den sie in amorphen plastischen Werken verarbeitet, die Abstraktion und organische Präsenz verknüpfen. Am Schwefel schätzt die Künstlerin insbesondere dessen Leuchtkraft, die nicht nur der Plastik selbst eine eigene Aura verleiht, sondern auch auf den Ausstellungsraum in besonderer Weise abstrahlt. Häufig kombiniert Lüscher das Schwefelgelb mit einem tiefen rußig-kohligem Schwarz. Licht und Dunkel treten dabei als fundamentale Polarität auf, Spuren von Feuer veranschaulichen dessen konstruktive und destruktive Energien. Stofflichkeit und Spiritualität, das Elementare und einzelne Elemente korrespondieren.

Galerie für Gegenwartskunst, Bremen, Bleicherstraße,

noch bis zum 20. Oktober.

Di-Fr 14-18 Uhr, Do 14-20 Uhr, Sa 12-14 Uhr.

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