Stolpernd durch fremde Welten: „Appart“ in der Spedition im Güterbahnhof

Überall nur Misstrauen

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Schön ist sie nicht, die Apparat-Welt des 29-köpfigen Ensembles in der Spedition im Güterbahnhof.

Bremen - Von Andreas Schnell. „Der Teufel ist ein Apparat“, sang vor Jahr und Tag der anarchistische Heavy-Rocker Schwarz mit gründlichem Misstrauen gegenüber jeglicher Vereinnahmung, weil dahinter immer eine Autorität steckt. Und damit Herrschaft. Ein anderer, wenn auch nicht notwendig freundlicherer Apparat ist gemeint, wenn in der Spedition im Güterbahnhof ein 29-köpfiges Ensemble in eine neue Welt einlädt.

Shalün Schmidt, Olga Bauer und Solveig Hörter, die gemeinsam als SOS-Konglomerat firmieren, haben die Performance in Zusammenarbeit mit dem Alsomirschmeckts!-Theater und der Performer-Schar entwickelt. Eine neue Welt – das ist natürlich eine große Behauptung. Weshalb schon der Weg in sie hinein gut vorbereitet zu sein hat. Das geht bei der Eintrittskarte los: Als Pass soll man sie immer bei sich führen, wer keine hat, kommt nicht hinein. Was, zugegeben, die Apparat-Welt natürlich nicht von einem ganz normalen Theater unterscheidet.

Was allerdings anders ist: Am Einlass gibt es keine dienstbeflissene Begrüßung, zumindest nicht auf Deutsch. Sondern eher einen Vorgeschmack davon, eine fremde Welt zu betreten. Am Tresen in der kleinen Halle der Spedition werden Getränke ausgeschenkt, die das Apparat-Logo ziert, das uns im weiteren Verlauf in Variationen, gleichwohl stets wiedererkennbar, immer wieder begegnen wird. Die noch eher unbestimmte Situation ist eingefärbt mit einem durchgängigen Ambient-Sound, der Spannung anzeigt und damit auch deren Auflösung in Aussicht stellt. Allerdings wird das noch eine ganze Weile dauern.

Das Performer-Kollektiv stellt sich auf. Starrt die Menge an. Wortlos. Bis sich, immer noch wortlos, eine von ihnen durch den Raum aufmacht, um mehrere Stapel Kleidung herbeizutragen, in die sich die 29 kleiden. Trikots mit dem Apparat-Logo. Teambuilding, sozusagen. Und schließlich heißen sie die Zuschauer willkommen. Auf Deutsch, auf Englisch und einer mutmaßlich größeren Anzahl weiterer Sprachen geleitet das Ensemble in die hinteren Räume der Spedition, wo in einer theatralen Rauminstallation verschiedene Bilder warten.

Drei junge Männer in einer bescheidenen Unterbringung, die in Zeitlupe rauchen, lesen, auf dem Smartphone spielen. Einen Raum weiter: Eine Gruppe Männer, die in ermüdender Monotonie zu einer Gruppenchoreographie angeleitet werden. Rechts und rechts sowie links und links und von vorn. Im Zimmer schräg gegenüber sind drei Männer zu sehen, die mit den Fingern aus Honigtöpfen naschen, wenn sie nicht donnernd auf den Tisch schlagen. In regelmäßigen Abständen steht einer von ihnen auf und spuckt wütende Tiraden aus. Ihnen, vielleicht aber auch den Tiraden, steht im Vorraum eine verschleierte Frau still und stumm gegenüber.

Eine weitere Gruppe befindet sich in einer Art Bandprobe. Zum E-Piano singen sie Tonleitern, wenn sie nicht – in Zeitlupe – an Apparat-Limoflaschen nuckeln. An der Wand hängen Zettel mit Parolen: „Ein Welt ohne Rassism“, „Freiheit für Kurdistan“. Und etliche mehr, in fremden Sprachen und Zeichen. Während eine junge Frau in stiller Verzweiflung die immergleichen Sätze intoniert: „Wir brauchen Hilfe. Wir machen Theater. Ich möchte Kontakte knüpfen. Ich habe Hunger. Wir sind Freunde.“ Untermalt von Gesten, die ein bisschen an einen Verkehrspolizisten erinnern, oder an einen Fluglotsen.

Keine schöne Welt, diese Apparat-Welt. Und natürlich ist sie schnell als gespiegelten Teil der unserigen zu erkennen. Wo eine Willkommenskultur diskutiert wird, die Neuankömmlingen das Misstrauen der Mehrheitsgesellschaft aber nicht erspart. Die Folgen: keine Arbeitserlaubnis, prekärer Status, Ausgrenzung. Was natürlich implizit auch eine Kritik an Bestrebungen wie dem kurdischen Kampf um einen eigenen Staat ist: Denn dieser, und das stellt sich schließlich auch wieder per Pass Innen und Außen dar, behält sich vor, wer auf seinem Territorium welche Interessen verfolgen darf. So stolpert der politische Ansatz dieser nicht reizlosen Inszenierung am Ende gleichsam über seine eigenen Füße.

Weitere Vorstellungen: Mittwoch, Donnerstag, Samstag, jeweils um 20 Uhr, Spedition im Güterbahnhof.

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