Störung im Betriebsablauf

La Fleur zeigt den zweiten Teil ihres „Nana“-Projekts

Eine Nummer zu groß? Der „Ordinateur“ zeigt Flagge.
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Eine Nummer zu groß? Der „Ordinateur“ zeigt Flagge.

Wenn im Theater vor der Vorstellung der Intendant vors Publikum tritt, bedeutet das in der Regel, dass etwas nicht ist, wie es sein sollte. So auch am Donnerstagabend im Kleinen Haus am Theater Bremen, wo „Nana kriegt keine Pocken“ von der ziemlich diversen Performance-Truppe La Fleur um Monika Gintersdorfer undFranck Edmond Yao Uraufführung feiern sollte. In diesem Fall musste Michael Börgerding verkünden, dass der Schauspieler Justus Ritter aus gesundheitlichen Gründen nicht auftreten könne.

Bremen - Seinen Part übernimmt bei der Premiere vor allem Mathieu Svetchine, der auf der Bühne auch keinen Hehl daraus macht, dass er gelegentlich auf seine Zettel schauen muss. Das passt zu einer Saloppheit, die schon bei der ersten Auseinandersetzung der Gruppe mit „Nana“ zu bemerken war. Besagte Nana, eine Figur des französischen Schriftstellers Emile Zola, kommt aus einem Pariser Armenviertel und erobert die High Society als Operettenstar. Anhand dieser Geschichte teilt Zola – und mit ihm La Fleur – Erhellendes über die Klassengesellschaft mit.

In „Nana kriegt keine Pocken“ geht La Fleur noch einige, auch tänzerische Schritte weiter. Nachdem, wie man das von Fortsetzungsformaten kennt, noch einmal eine Essenz des ersten Teils zu sehen ist, einschließlich jener schier hinreißenden Cancan-Travestie zu Offenbach und elektronischen Beats, liest das Ensemble Zola erneut gegen den Strich. Dass Nana bei ihm an den Pocken zugrunde geht, wird ja schon im Titel des Abends revidiert.

Die heiß umstrittene und in der Regel stets prekäre Ökonomie des Sex, die einer Kurtisane wie Nana einst zwar ein Leben im Luxus ermöglichte, ihre Ausgrenzung aber nicht aufheben konnte, geht La Fleur diskursiv, mit urbanen Beats und Tanzmoves unter Berufung auf die zeitgenössische französische Schriftstellerin Virginie Despentes und einiger Sekundärliteratur an.

Bringen die Verhältnisse zum Tanzen: Annick Choco (v.l.), Elchino, Franck Edmond Yao und Ordinateur.

Nana, mit vibrierender Energie verkörpert von Annick Choco, darf sich über Zwillingsschwestern im Geiste freuen, die sich in durchaus tragischer Überwindung ihrer Zwillingsrivalitäten zu einem neuen Frauentypus synthetisieren. Despentes Roman „Pauline und Claudine“ als vehementes Plädoyer für einen „sexpositiven Feminismus“, dient La Fleur in bewährter Manier als Material, auf das beherzt zugegriffen wird, um es mit den eigenen Biografien abzugleichen, es sich anzueignen oder zu verwerfen. Und diese Biografien sind so vielfältig, wie sie, das zumindest scheint als Utopie auf, eines gemeinsam haben: dass sie in der einen (zum Beispiel sexuelle Orientierung) oder anderen Weise (Migrationsgeschichte) Störungen im Betriebsablauf darstellen, wie es bei der Deutschen Bahn heißen würde. Woraus Franck Edmond Yao, Tänzer und auch Choreograf dieser wundersam kurzweiligen eineinhalb Stunden, einen Aufruf zur Solidarität ableitet.

Die Tragfähigkeit des Gedankens wird nicht weiter überprüft. Stattdessen geht es im Weiteren mit dem spanischen Philosophen und Queer-Theoretiker und einem Exkurs ins New Yorker Nachtleben um die Verflüssigung von Geschlechterrollen und Identitäten, um seufzend in dem Wunsch nach einer Welt zu enden, in der so etwas keine Rolle mehr spielt. Langer, verdienter Applaus.

Sehen:

Samstag, 20 Uhr und Sonntag, 18.30 Uhr, Kleines Haus, Theater Bremen.

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