Giacomo Puccinis „La Bohème“ am Oldenburgischen Staatstheater

Das Stinken sehen

Müllsuche zum Weihnachtsevangelium: In Oldenburg inszeniert Lorenzo Fiorini „La Bohème“. ·

Oldenburg - Von Ute Schalz-Laurenze · Eine Opernaufführung am Staatstheater Oldenburg ist mal wieder eine große Reise wert. Denn was der Schweizer Regisseur Lorenzo Fiorini mit Giacomo Puccinis vielgespielter La „Bohème“ dort auf die Bühne brachte, reiht sich bestens ein in die Art von Inszenierungen, die einfach überzeugen.

Weil sie mit einer klaren realistischen Sprache dem Zuhörer nicht zumuten,

dauernd deuten zu müssen, um was es sich denn handelt.

Er zieht die Grundlinien der Geschichte überdeutlich zu Ende: kein romantisches Spitzweg-Milieu in der Dachstube im ersten Akt, sondern eine elende Imbissbude am Weihnachtsabend – der große Bethlehemstern zeigt es –, an der Rodolfo, der Schriftsteller, Marcello, der Maler, Colline, der Philosph und Schaunard, der Musiker sich treffen und irgendwie warmhalten wollen. Dazu wird auch ein Manuskript von Rodolfo verbrannt. Sie frieren und an der Bude gibt’s Poulet mit Frites zu Euro 1,95. Dahin verliert sich auch die Stickerin Mimi, die fortan bei Rodolfo ist.

Der 1972 geborene Fiorini, einst Cellist und Regieassistent der großen Ruth Berghaus, verortete die Protagonisten dort, wo sie wirklich sind: in totaler hoffnungsloser Armut. Im zweiten Akt verdienen sie sich durch Tierimitationen etwas Geld: Randexistenzen der Gesellschaft. Noch krasser wird’s im dritten Akt: Hier suchen sich die Menschen auf der Müllhalde Brauchbares, nicht ohne zuvor aus dem Off das Weihnachtsevangelium gehört zu haben. Man sieht die Klamotten regelrecht stinken (Kostüme von Katharina Gault).

Musette, die ehemalige Geliebte von Marcello, liefert mit ihrem neuen Liebhaber furiose Auftritte. Mitreißend ist der Gegensatz von Tragik und Komik, die einander ständig überlagern.

Das letzte Bild ist wieder die Bude – heute gibt es Eiersalat zu Euro 2,25 –, zu der sich die sterbende Mimi hinschleppt, um Rodolfo noch einmal zu sehen. Der hatte sie ja recht schnöde verlassen, weil er mit ihrer Krankheit nicht klar kam. Nun bereut er das alles. Präzise und ergreifend sind die Personen gezeichnet: Paul Brady als Marcello bietet eine Charakterstudie vom Feinsten, Andrey Valiguras als einsamer und stimmgewaltiger Colline. Musette wird von Inga-Britt Anderson stimmlich und darstellerisch mit Naturgewalten ausgestattet, sie ist die einzige, die das ganze Stück über, in dem es ja auch häufig schneit, im Spaghettiträgerhemdchen herumläuft, so viel Hitze hat sie in sich. Stefan Heibachs Rodolfo überrascht mit einer wunderbar lyrischen-leichten Stimme mit verführerischem Timbre, der die von Angela Bic als Mimi entspricht. Das Bemühen aller, Sentimentalität zu vermeiden, macht aus dieser Aufführung ein Ereignis: Mimis Tod und die Umstände ihres Lebens sind brutal, alles andere als romantisch. Auch das Bühnenbild von Paul Zoller überzeugt in diesem Sinne. Großer und lang anhaltender Beifall.

Das gilt auch für das Orchester: was das Oldenbirgische Staatsorchester unter der Leitung von Johannes Stert leistet, hat Größe in jeder Hinsicht. Immer wieder lenken präzise und farbenreiche Orchesterstellen vom Blick auf die Bühne regelrecht ab, ergänzen das Geschehen aber meist fablehaft. Die Differenzierung der Klangfarben, die emporschnellenden Fortissimo, die immer wieder Legatolinien zwerreißen und sich weit ins 20. Jahrhundert bewegen.

Weitere Vorstellungen: am 14., 23. und 27. Juni, jeweils um 19.30 Uhr am Oldenburgischen Staatstheater.

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