„Feldpost“: Das Stadttheater Bremerhaven erinnert an 100 Jahre Krieg

Stimmen aus den Weltkriegen

Beim Vortrag von Briefen aus dem Krieg als Mittel gegen das Vergessen: Im Vordergrund Amanda da Glória, auf der Leinwand: Jennifer Sabel. ·
+
Beim Vortrag von Briefen aus dem Krieg als Mittel gegen das Vergessen: Im Vordergrund Amanda da Glória, auf der Leinwand: Jennifer Sabel. ·

Von Andreas SchnellBREMERHAVEN · Fast ein bisschen früh im Gedenkjahr kommt die „Feldpost“, die am Samstag in Bremerhaven Uraufführung feierte: Am 28. Juli erklärte Österreich-Ungarn dem Königreich Serbien den Krieg, nachdem einen Monat vorher in Sarajevo Erzherzog Franz Ferdinand von einem serbischen Nationalisten ermordet worden war.

Anstatt sich um die politischen Gemengelagen des frühen 20. Jahrhunderts zu kümmern, mithin also um die Gründe für den Ersten Weltkrieg, haben sich Regisseurin Agathe Chion und Dramaturg Lennart Naujoks individueller Zeugnisse aus dem Krieg angenommen: Briefe aus dem Feld, Briefe an die Front, und das nicht nur aus dem Ersten Weltkrieg. Auch aus dem Zweiten Weltkrieg und aus der jüngsten Vergangenheit haben sie Stimmen gesammelt. Schließlich sind deutsche Soldaten heute wieder an internationalen Kampfeinsätzen beteiligt, die Krieg zu nennen auch deutsche Politiker nicht mehr scheuen.

Eingebettet in eine Radio-Show, „das Neue Deutsche Radio – die Einsatz-Show“, blättert der gut einstündige Abend hundert Jahre Krieg auf – vor gedämmten Studiowänden, die sich per einfacher Drehung flugs in schwarzweiße Razzle-Dazzle-Optik verwandeln lassen, eine frühe Form der Tarnbemalung. Den ersten Teil bestreitet Martin Bensen, der als Gast das Ensemble verstärkt und aus Briefen seines Vaters vorliest, der als Soldat in Russland starb, berichtet, wie er sich auf die Suche nach dem Grab des Vaters machte, den er nie wirklich kennenlernte, und dabei auf die Nachkommen des einstigen Gegners traf, die ihm bei der Suche halfen.

„Spassibo!“, ruft er ihnen am Ende zu. Versöhnung – das ist wohl die zentrale Botschaft der „Feldpost“, die gleichwohl ein pessimistisches Fazit zieht: Am Ende nämlich landet das Stück in der Zukunft – wo ein Krieg zwischen dem Menschen und seinen Zellen tobt. Das Erinnern und Mahnen wird hier gleichsam zum Gegengift, unter diesen Voraussetzungen allerdings zu einem nur bedingt wirksamen. Immerhin ließe sich die Abwesenheit jeglicher Hurra-Stimmung beim Aufbruch in die militärischen Einsätze der Gegenwart als Folge der vergangenen Kriege lesen.

Davor geht es aber noch durch die großen Kriege der letzten hundert Jahre, strukturiert vom gut gelaunten „Neuen Deutschen Radio“, dessen Ausführende drei junge Leute in Uniform (Artur Spannagel und Amanda da Glória) beziehungsweise extravagantem rotem Abendkleid (Jennifer Sabel) sind, die Feldpost aus dem Zweiten Weltkrieg zu äthiopischem Jazz verlesen, wobei immer wieder die Platte hängt, der Strom ausfällt – wider das Vergessen: Es ist schließlich Krieg.

Und der ändert sich offenbar zumindest in einer Hinsicht nie: Menschen sterben. Weshalb es sowohl der seelsorgerischen Betreuung Hinterbliebener bedarf als auch der moralischen Aufbauarbeit an denen, die um das Wohl ihrer Angehörigen da draußen bangen: „Lass die Angst ruhig zu, aber lass auch Sonne in dein Leben“, rät eine Stimme in einem Chatraum einer „Lisa232“, deren Freund in Afghanistan dient.

In diesem letzten Teil findet die oft wenig stringent wirkende Inszenierung einen Sog, gelingt es den Schauspielern zwischen den Panikattacken eines heimgekehrten Soldaten, Videos aus dem Chatraum und Zitaten aus „Apocalypse Now“ einen Rhythmus zu finden. Das Publikum war am Ende ratlos, für das Regie-Team gab es gar ein verhaltenes Buh.

Weitere Aufführungen:

Freitag, 19.30 Uhr, Samstag, 8.3., 19.30 Uhr, Stadttheater Bremerhaven, Kleines Haus.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Die beliebtesten Kuchenklassiker und Tortenträume

Die beliebtesten Kuchenklassiker und Tortenträume

Bill und Melinda Gates lassen sich scheiden

Bill und Melinda Gates lassen sich scheiden

Vettel ohne Chance bei nächstem Hamilton-Sieg

Vettel ohne Chance bei nächstem Hamilton-Sieg

Linke Demos zum 1. Mai - Krawalle in mehreren Städten

Linke Demos zum 1. Mai - Krawalle in mehreren Städten

Meistgelesene Artikel

„Halbtot, durchgekifft, unberechenbar“

„Halbtot, durchgekifft, unberechenbar“

„Halbtot, durchgekifft, unberechenbar“
Widerstand lohnt sich nicht

Widerstand lohnt sich nicht

Widerstand lohnt sich nicht
„In Wahrheit mache ich nichts anderes, als Grenzen zu versetzen“

„In Wahrheit mache ich nichts anderes, als Grenzen zu versetzen“

„In Wahrheit mache ich nichts anderes, als Grenzen zu versetzen“
Von heimischen Wänden

Von heimischen Wänden

Von heimischen Wänden

Kommentare