Publikumserfolg „Mazeppa“: Nadine Lehner über die Basis des Gesangs und das Glück eines homogenen Ensembles

Stimme der wahren Empfindung

Flucht in die Kinderwelt: Sopranistin Nadine Lehner als Maria in Tschaikowskys Oper „Mazeppa“.

Von Rainer BeßlingBREMEN (Eig. Ber.) · Tschaikowskys Oper „Mazeppa“ hat sich seit seiner Premiere zum Publikumserfolg entwickelt. Nadine Lehner, seit sechs Jahren Sopranistin am Bremer Theater, überzeugt sowohl durch ihre sängerische Qualitäten als auch ihre Flexibilität.

?Die Liebe zu einem Mann, der ihr Großvater sein könnte, der Flirt mit der Gewaltherrschaft, die Flucht in den Wahnsinn –  ich vermute, es ist nicht leicht, sich in eine Figur wie Maria hineinzudenken.

!Ich fand das von Anfang an nicht so schwierig. Der Konflikt, ein eigenes Leben zu beginnen und doch die Bindung an das Elternhaus nicht zu verlieren, sich jemandem ganz anzuvertrauen, den man liebt, große Hoffnungen in eine gemeinsame Zukunft zu setzen, das ist doch sehr vertraut.

?Was speziell fasziniert Maria an Mazeppa?

!Sie empfindet stark den Beschützer. Mazeppa repräsentiert den Anbruch einer neuen Zeit. Er ist der charismatische Mann, mit dem sie träumen darf. Beide können über ihre Fantasien sprechen, haben eine gemeinsame Idee vom Leben.

?Mazeppa stellt ihr ein Ultimatum. Entweder ich oder deine Eltern! Kann sie sich hier wirklich entscheiden?

!Das ist die absolute Überrumpelung. Sie liebt Mazeppa über alles. In dieser ersten Liebe, in der Aufwallung der Gefühle denkt sie nicht nach. In dem Moment ist ihr nicht bewusst, was sie anrichtet. Erst spät realisiert sie, dass sie etwas ganz Kostbares verloren hat, etwas, das letztlich viel wichtiger für sie ist als die Liebe zu Mazeppa.

?Die Flucht in den Wahnsinn ist die denkbar radikalste Lösung.

!Wir haben viel darüber gesprochen, inwieweit der Wahnsinn für Maria auch etwas Gutes darstellt. Schließlich befreit er sie aus Gewalt- und Machtstruktur. Sie flüchtet in ihre unschuldige Kinderwelt, kommuniziert mit Kindern. Es war mir wichtig, sie am Ende positiv zu zeigen. Sie ist zwar völlig vereinsamt, hat aber einen eigenen Kosmos, ihre innere Welt gefunden.

?Sie zeigen zwischenzeitlich den Überdruss Marias an ihrem Leben im Überfluss. Kompensation der Leere durch Dauer-Shopping.

!„Wohlstandsverwahrlosung“ hat unsere Regisseurin das genannt. Dieses GlitzerKostüm, diese High Heels, dieser Pelz, dieses Goldzeugs – das verwandelt einen. Man braucht diese Ausstattung, um das spielen zu können, um zeigen zu können, dass Maria von ihrem alten Leben völlig abgeschnitten ist, dass sie immer mehr abstumpft.

?Zwischendurch hat man das Gefühl, es könnte so etwas wie Annäherung möglich sein. Maria gibt ihre Ehe ja nicht auf.

!Sie zeigt ihm, dass sie etwas möchte, das beide verbindet, ein Kind, ein gemeinsames Projekt. Als Mazeppa ihr von seinen Umsturzplänen erzählt, ist sie wieder ganz bei ihm.

?Hatte Mazeppa konkrete Vorstellungen von seiner Ehe mit Maria?

!Ich glaube, er hat sich wenig Gedanken über Maria gemacht. Er hat sich in dieses unschuldige naive Mädchen verliebt, in ein Wesen, das in seiner Welt so nicht existiert. Er hat sich in den Gedanken verliebt, dass er sich etwas ganz Kostbares nach Hause holt. Sie verändert sich aber durch ihn vollkomen. Am Ende plagen ihn Schuldgefühle, weil er weiß, dass er sie ruiniert hat.

?Nähern Sie sich solchen Rollen mit Einfühlung oder in distanzierter Reflexion?

!Einfühlung. Mit Distanz könnte ich das nicht. Auf einer Zugfahrt habe ich mir eine „Mazeppa“-Einspielung angehört. Ich mache das ganz selten, aber weil ich diese Oper nicht gut kannte, habe ich sie einmal durchgehört. Ich musste nach dem Duett mit der Mutter weinen. Auch jetzt noch berührt mich zutiefst, wie die Mutter ihre Tochter anfleht, den Vater retten. Wie das bei Maria nicht ankommt, weil sie sich nicht vorstellen kann, dass ihr Vater von dem Menschen gefoltert wird, den sie am meisten liebt.

?Wo lagen für Sie die besonderen sängerischen Herausforderungen der Partie?

!In der Dramatik, in der Kraft. Jede Szene ist mit sehr viel Wut und Emotion verbunden, der Puls ist immer hochgefahren. 80 Prozent der Partie kommen nach der Pause. Und dann am Ende das ruhige Wiegenlied. Es ist schwierig, pausenlos zu powern, die Spannung hoch zu halten und dann die nötige Ruhe für das Finale zu finden. Ich stehe am Ende wie nackt an der Rampe. Vis à vis mit dem Publikum – eine Figur, die verlassen, die vollkomen allein ist.

?Es gibt herausragende sängerische Sequenzen, aber es gibt keine Bravour-Arien. Alles ist eingebettet in einen großen dramatischen Erzählstrom und in einen dynamischen, vielfarbigen Orchesterklang.

!Was mich besonders gefreut hat: Hier stimmte die Balance von Anfang an. Als Sänger hat man oft Angst, zugedeckt zu werden. In „Mazeppa“ sind wir Sänger immer gut zu hören. Das Orchester ist präsent und durchsichtig zugleich. Der Klang hat Wucht, wirkt aber nie überladen, wird trotz der großen Besetzung nie breiig.

?Es überrascht nicht, dass eine Oper mit einer solchen Atmosphäre, mit solch abgründigen Figuren und einem solch resignativen Ende slawischen Ursprungs ist.

!Schon bei „Onegin“ fanden sich diese Schwermut und Melancholie in den Figuren und in der Musik. Das geht ganz tief, da bleibt nichts an der Oberfläche. Und es sind die großen Frauenfiguren, die psychologischen Handlungen, die mich faszinieren.

?„Mazeppa“ wird selten gespielt. Eigentlich schwer nachzuvollziehen.

!Das Stück ist großartig, die Vorstellung verkauft sich gut. Ein Beleg dafür, dass auch weniger bekannte Opern eine Chance haben, wenn die Aufführung überzeugend ist. Ich habe ganz viel Mails von Menschen bekommen, die tief berührt waren. Ich will in der Oper Gefühle zeigen, mit ganzer Emotion auf der Bühne spielen, kommunizieren. „Mazeppa“ ist ein Glücksfall: Hier agiert ein homogenes Ensemble tatsächlich miteinander. Das klappt nur bei Darstellern, die mit ganzem Gefühl auf der Bühne stehen. Dazu hat auch Regisseurin Tatjana Gürbaca entscheidend beigetragen. Sie gibt nicht Positionen und Gänge vor, sondern durchdringt alle Figuren psychologisch und nimmt genauestens wahr.

Die nächste Vorstellung findet am Donnerstag, 9. Dezember, um 19.30 Uhr am Theater Bremen statt.

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