Steuerzahlerbund kritisiert Theater Bremen

Kultur nach neoliberaler Art

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Und Palmen leisten sie sich auch noch: Das Theater Bremen als Dorn im Auge des Steuerzahlerbunds.

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Der Deutsche Bund der Steuerzahler, so viel Chronistenpflicht muss sein, macht sich um den Erhalt einer gefährdeten Spezies verdient: die Schelte auf die hiesige Kulturförderung. Fast hätte man schon geglaubt, das letzte Exemplar dieser Art sei mittlerweile ausgestorben, da kommt auch schon eins in Gestalt einer Pressemitteilung ums Stammtisch-Eck.

Ganz unzweifelhaft zu erkennen ist es an seinen gattungstypischen Sätzen wie: „Es ist nicht ohne Weiteres einzusehen, dass sich die Theater- und Opernliebhaber ihren Genuss zu einem übergroßen Teil von der Allgemeinheit bezahlen lassen!“

Im Mittelpunkt der Kritik des Steuerzahlerbundes steht diesmal vor allem das Theater Bremen, dessen Eintrittskarten angeblich mit jeweils durchschnittlich 170,50 Euro bezuschusst würden. Damit gehöre das Haus zu den zehn hochsubventioniertesten Spielstätten Deutschlands.

Am Theater selbst ist man der Meinung, dass sich der Steuerzahlerbund erstens um gut elf Euro verrechnet habe und zweitens nicht berücksichtige, was dieser Betrag im Umkehrschluss bedeutet. Berechne man statt der Subventionen des einzelnen Tickets die Ausgaben des einzelnen Bürgers, so komme man auf einen Pro-Kopf-Beitrag von 59 Euro, sagt Theaterintendant Michael Börgerding gegenüber unserer Zeitung: Und damit stehe man bundesweit sehr gut da.

Tatsächlich deutet wenig darauf hin, dass man sich beim Bund der Steuerzahler mit den betriebswirtschaftlichen Details der Statistik auseinandergesetzt hätte. So erklärt sich ein großer Teil des kritisierten Zuschussbetrags aus dem Umstand, dass das Theater zwei Millionen Euro pro Jahr für sein Orchester aufbringen muss – dessen philharmonische Konzerte in der Glocke sich aber nicht in der Besucherstatistik wiederfinden, die der Berechnung des Vereins zugrunde liegt.

In dieser Besonderheit unterscheidet sich das Bremer Theater von so gut wie allen anderen mehrspartigen Häusern. Ihre Ursache findet sich in der 2002 erfolgten Umwandlung des damaligen Staatsorchesters in eine GmbH: ein Schritt, der seinerzeit vor allem von neoliberalen Beobachtern wie dem Bund der Steuerzahler mit lautstarkem Applaus bedacht worden war. Heute spricht man dort von „besonders hohen Personalkosten“ bei Häusern mit Orchestermitgliedern – offenbar ohne zu erkennen, dass dieses Problem ausgerechnet auf das Theater Bremen gar nicht zutrifft.

Zum von den Lobbyisten beschriebenen „Genuss“, den sich die „Theater- und Opernliebhaber“ von der darbenden „Allgemeinheit“ spendieren lassen, gehört in Bremen auch die Kinder- und Jugendarbeit der Sparten „Junge Akteure“ und „Moks“, die Arbeit mit gesellschaftlichen Randgruppen wie Flüchtlingen und Obdachlosen sowie die Pflege des vielbeschworenen abendländischen Kulturerbes. Schulklassen, erklärt Börgerding, besuchen die Vorstellungen von „Faust“, „Hamlet“ oder „Kabale und Liebe“ gänzlich gratis, was auch Kindern aus ärmeren Familien einen Besuch ermöglicht, hier vor allem Migranten. An anderen Theatern wird ihnen ein Beitrag von fünf bis sieben Euro pro Kind abverlangt: offenbar vorbildlich, wenn es nach dem Bund der Steuerzahler ginge.

Der These des Vereins, wonach „sicherlich nicht knapp 50 Millionen Euro Steuergelder pro Jahr in die Häuser in Oldenburg und Bremen fließen“ würden, wenn Bremen und Niedersachsen nur ein gemeinsames Bundesland bilden würden, mag Börgerding nicht zustimmen. Es sei nicht nachvollziehbar, warum in diesem Fall das Staatstheater Hannover zu hundert Prozent vom Staat finanziert wird, das Haus in einer Stadt von der Größe Bremens aber plötzlich in Legitimationsschwierigkeiten kommen sollte.

Tatsächlich liegt das Theater Bremen mit einem Etat von 27 Millionen Euro hinter jenem, den das Braunschweiger Theater erhält (28 Millionen). Die Einwohnerzahl der Hansestadt ist dabei allerdings doppelt so hoch.

Die Gagen an öffentlich subventionierten Häusern liegen seit geraumer Zeit im prekären Bereich. So musste aufgrund der Mindestlohn-Regelung jüngst die Mindestgage für Schauspieler – bei tariflich festgelegter 48-Stunden-Woche – auf 1765 Euro angehoben werden. Erreicht wird der Mindestlohn mit 8,49 Euro die Stunde damit gleichwohl immer noch nicht.

Einen Alternativvorschlag zum bestehenden System bleibt der Lobbyverein schuldig. Es käme wohl nur das amerikanische Modell einer gänzlich privatwirtschaftlichen Finanzierung in Frage. Dann allerdings, erklärt Börgerding, hätten sich personalintensive Vorstellungen von Werken eines William Shakespeare oder Friedrich Schiller erledigt.

Zuletzt hatte vor drei Jahren ein Quartett marktradikaler Kulturmanager die Subventionspolitik werbewirksam kritisiert und in einem Buch den baldigen „Kulturinfarkt“ unserer Nation prophezeit. Stand 15. September 2015 ist der Patient noch am Leben.

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