GAK Bremen zeigt Arbeiten des Künstlerduos Marie Cool Fabio Balducci

Stellt tausend Tische auf!

Auf dem Absprung? Marie Cool in einer Videoarbeit in der Ausstellung „Can Carry No Weight“. Fotos: Marie Cool, Fabio Balducci, Marcelle Alix

Bremen - Von Rolf Stein. Es ist die eine Sache, von der Freiheit der Kunst zu sprechen, von den segensreichen Auswirkungen ihrer Zweckfreiheit – und andererseits zu verlangen, dass sie sich dem Betrachter einfach so hinzugeben hätte. Ein bisschen Nachdenken darf sie schon verlangen.

Einen regelrechten Aufstand allerdings veranstalten Marie Cool (ausgesprochen wie „Koll“) und Fabio Balducci in den Räumen der GAK – Gesellschaft für Aktuelle Kunst. Das bedeutet keineswegs, dass es besonders laut oder turbulent zuginge. Das Gegenteil trifft zu. Vielleicht sogar ein bisschen zu sehr. Denn aus ökonomischen Gründen ist es weder der GAK noch den Künstlern möglich, einen bedeutsamen Teil ihrer Kunst für die gesamte Dauer der Ausstellung vorzuhalten.

Es geht in „Can Carry No Weight“, so der Titel der neuen GAK-Ausstellung, nämlich nicht nur um die darin gezeigten Exponate: Heckscheiben von SUVs, eine mit reflektierenden kleinen Kacheln verkleidete Säule, Schreibtische und Videos. Heute Abend und noch einmal an zwei Tagen im November zeigen Cool und Balducci im Ausstellungsraum Aktionen – und dass es sich bei selbigen nicht um Performances handele, darauf legen die beiden großen Wert. Für sie fällt das alles eher unter Skulptur. Wobei das auch beinahe schon alles, ist, was man den beiden über ihre Kunst aus der Nase ziehen kann. Sie reden nicht gern darüber.

Das darf man sich jetzt aber auch nicht unfreundlich oder anderweitig schroff vorstellen. Fast schon ein bisschen ratlos. Wenn es sich in Worten ausdrücken ließe, müsste man es ja auch nicht in einer Ausstellung formulieren. Ein paar Hinweise gibt es doch noch. Auf die Journalistin und Terroristin Ulrike Meinhof verweist Balducci, als es um die Sache mit den Aktionen geht. „Wirft man einen Stein, so ist das eine strafbare Handlung. Werden tausend Steine geworfen, ist das eine politische Aktion“, soll sie einmal gesagt haben.

Die Kunst von Cool und Balducci ist in diesem Sinne dann aber noch ein Drittes. Kunst eben, aber politische Kunst. Am sinnfälligsten wird das vielleicht doch bei den Schreibtischen. Einer von ihnen steht mitten im mittleren Raum der Galerie, zwei weitere sind – Aufstand – auf die Kopfseite gestellt und vor die Fenster gerückt. Sie wirken wie Barrikaden. Nur dass von außen lediglich das Sonnenlicht hereinkommen könnte. Büros sind die Orte, an denen unser Zusammenleben organisiert, koordiniert, verwaltet wird. Dort eine Barrikade zu bauen, wäre im Sinne Meinhofs eine strafbare Handlung, die Errichtung tausender Barrikaden eine politische Aktion. Und bei Cool und Balducci wird der Schreibttisch seiner Funktion enthoben eben zum künstlerischen Standpunkt.

Inwieweit dies ein Aufstand wider die Verwertungslogiken unserer Gesellschaft ist, notwendig geworden durch deren Untragbar-, wenn nicht gleich Unerträglichkeit, geben Cool und Balducci nicht unmittelbar preis. Nicht nur der Titel ihrer Ausstellung deutet darauf hin. Gleich im Eingangsbereich ist Cool in einem Video zu sehen, die Arme nach vorn gestreckt, der Oberkörper gebeugt, wie vor einem Sprung. Im Verlauf einer ihrer Aktionen lässt sie einen Baumwollfaden abbrennen. Eine Lunte? So einfach kommt man auch nicht durch. Die freundliche Verweigerung und die verschwiegene Offenheit erscheinen als Strategien gegen eine schlichte Verwertbarkeit der Kunst. Das Publikum wird sie sich erarbeiten müssen. Raum genug lassen Cool und Balducci dafür.

Sehen

„Can Carry No Weight“ ist bis 22. Dezember in der GAK – Gesellschaft für Aktuelle Kunst in Bremen zu sehen; Cool und Balducci zeigen ihre Aktionen heute Abend zur Eröffnung sowie morgen und am 16. und 17. November zwischen 11 und 18 Uhr.

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