Ton Steine Scherben im Bremer Schlachthof: Überlebende und Nachwuchs spielen alte Hits

Mehr als Scherben

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„Keine Macht für niemand“: Ton Steine Scherben.

Bremen - Von Andreas Schnell. 1985 lösten sich Ton Steine Scherben nach 15 Jahren auf, in denen sie zu einer der wichtigsten deutschen Rockbands geworden waren. Nicht zuletzt, weil es ihnen gelungen war, die deutsche Sprache für die Rockmusik urbar zu machen. Zeilen wie „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ oder „Keine Macht für niemand“ wurden zu Parolen einer anarchistisch geprägten Jugendkultur. Ihr Sänger Rio Reiser startete eine erfolgreiche Solo-Karriere, bis er 1996, erst 46 Jahre alt, starb. - Von Andreas Schnell.

Nachdem sich die ehemaligen Bandmitglieder und Erben in der Zwischenzeit mit der Aufarbeitung der Vergangenheit in Form von Büchern, Rechtsstreitereien und Unternehmungen wie Neues Glas aus alten Scherben beschäftigt hatten, rief Scherben-Gitarrist R.P.S. Lanrue unter dem alten Namen Ton Steine Scherben alte Wegbegleiter und neue, teils aus der Familie rekrutierte Musiker zusammen.

Am Mittwochabend gastierte die Band im Schlachthof, der angenehm gefüllt war, überwiegend natürlich von einem reiferen Publikum, das die Scherben von damals kannte. Aber auch etliche Jüngere wollten offenbar herausfinden, was dran ist an dem bis heute strahlenden Mythos Scherben. Was sie bekamen waren knapp zwei Stunden durchaus mitreißende Klassiker in angenehm rohen Fassungen, in denen immer noch ein Stück jener gesellschaftlichen Wut weiterlebte, die zur Entstehungszeit dieser Musik den Zeitgeist prägte: Da geht es um Arbeitskampf („Wir streiken“), um Eigentumsverhältnisse („Rauch-Haus-Song“), aber auch um Drogen („Der Shit-Hit“) und die Liebe („Komm schlaf bei mir“), wobei sich noch in diesem scheinbar unpolitischen Song Zeilen wie „Ich bin nicht unter dir / Ich bin nicht über dir / Ich bin neben dir“ von einem emanzipatorischen Anspruch zeugen.

Zur Band, zu der neben den Ur-Scherben Lanrue (Gitarre), Kai Sichtermann (Bass) und Funky K. Götzner der junge Sänger und Gitarrist Nicolo Rovera, der Schlagzeuger Maxime S.P., Keyboarder Lukas McNally, Lanrues Schwester Elfie-Esther Steitz (Gesang), seine Tochter Ella Josephine Ebsen (Gesang und Gitarre) sowie ein Saxophonist gehören, stieß am Mittwoch dann noch für einen kurzen Gastauftritt Nikel Pallat, der die Band einst managte und als einziger neben Rio Reiser auch als Sänger auf deren Alben hören war.

Trotz so viel Originalbesetzung fehlte natürlich vor allem einer: Rio Reiser, der auch als Sänger stilbildend war. Nicolo Rovera übernahm dessen Part und schlug sich beachtlich. Zwar erinnerte er an ein oder zwei Stellen ein wenig an Herbert Grönemeyer, erwies sich aber als mitreißender Frontmann, der mit dezentem Berliner Akzent den Reiser'schen Ton nachempfand.

Das Publikum war begeistert und sorgte dafür, dass die Band zweimal für Zugaben zurück auf die Bühne kam, um mit der Hausbesetzer-Hymne „Rauch-Haus-Song“ und Zeilen wie „Das ist unser Haus / Ihr kriegt uns hier nicht raus“ in die kalte Nacht entlassen wurde. Feine Ironie?

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