Friederike Mayröcker und Andrea Grill mit dem Bremer Literaturpreis 2011 ausgezeichnet

Stauraum und Abfuhr

Den „Rhythmus des Gedichteschreibens im Leib“: Friederike Mayröcker.

Von Rainer BeßlingBREMEN · Beide leben in Wien. Beide sind in Österreich geboren. Damit erschöpfen sich aber auch schon die Gemeinsamkeiten der Schriftstellerinnen, die gestern mit dem Bremer Literaturpreis 2011 ausgezeichnet wurden.

Friederike Mayröcker, 1924 geboren, Trägerin des Hauptpreises, nimmt mit ihrem prämierten Buch einen Sonderplatz in der Literatur ein, „weil es dem Herrscher dieser Literatur den Rücken zukehrt: dem Roman“. So formulierte es im Bremer Rathaus Lothar Müller, Redakteur der Süddeutschen Zeitung, in seiner Lobrede. Die Bücher von Förderpreisträgerin Andrea Grill, Jahrgang 1975, liegen zwar gleichfalls quer zu gängigen Kategorien und aktuellen Strömungen. Doch immerhin findet Laudatorin Daniela Strigl mit „Schelmenroman“ einen Begriff, der Grills gepriesenes Werk „Das Schöne und das Notwendige“ eindeutig als Prosa identifiziert. Eine Wortabwägerin, Gedankenschöpferin, Empfindungssammlerin und Sätzesucherin die Ältere. Eine kautzige, hintergründige Erzählerin auf der Naht zwischen geerdeter Realitätsnähe und frei ausschwärmender Fantastik die andere. Vielleicht lag es mit an diesem Kontrast, sicher trugen die erhellenden wie unterhaltsamen Reden dazu bei, dass der gestrige Festakt als gelungen im Gedächtnis bleiben dürfte, und das, obwohl Friederike Mayröcker den Preis aus gesundheitlichen Gründen nicht persönlich entgegennehmen konnte.

Doch auch aus der Videobotschaft der Schriftstellerin wurde ablesbar, was Müller beschreibt: In Korrespondenz mit Literatur und in feinfühligem Austausch mit der Wirklichkeit entwickelt Mayröcker einen Gedanken- und Empfindungsstrom, der nicht auf einen prosaischen Plot zielt, sondern auf immer feinere Verästelungen der Wahrnehmung und Entfaltungen der Wörter. An die Liste in barocker Tradition fühlt sich der Laudator erinnert, jenes „provisorische Lasso zum Einfangen der Gedanken, die einem durch den Kopf gehen“. Mit dem „Rhythmus des Gedichteschreibens im Leib“, wie sie selbst schreibt, listet die Dichterin Empfindungen und Erinnerungen auf, gibt Anspielungen Raum, baut kunstvolle Eselsbrücken.

„ich bin in der anstalt“ heißt Mayröckers Buch. Der Titel steckt den Schauplatz Krankenhaus ab und spielt auf das Alter an. Ein Ort und eine Lebensepoche, in der der Körper die Regie übernimmt, indem er sich verweigert, in der Erinnerungen, das heißt auch der Kontakt zu Toten, immer mehr Raum besetzen. Hierzu passt der Untertitel „Fusznoten zu einem nichtgeschriebenen Werk“. Fußnoten, so Müller, füllen jenen Keller- und Stauraum der Seiten, in denen Autoren Kontakt mit Verblichenen aufnehmen. Diese Unterwelt wird in Mayröckers Buch zum Hauptschauplatz.

Und noch eine Umwertung nimmt die Autorin ihrem Laudator zufolge vor. Die Tränen, in der empfindsamen Literatur inflationär geströmt und in der Moderne unter permanentem Kitschverdacht, werden bei der Wienerin zur „selbstverständlichen Ausstattung der Welt“. Wie bei Derrida und Augustinus werden Tränen „irdisch-physische Flüssigkeiten, die das Verhältnis von Auge und Welt nachhaltig imprägnieren“.

Zwar auch um Körperphänomene, aber um vergleichsweise festere Stoffe geht es in dem Roman der promovierten Zoologin Andrea Grill. Ihre beiden Protagonisten Fiat und Finzens stoßen bei der Suche nach einer Existenzgrundlage auf den „Kopi Luwak“, eine in Indonesien beheimatete Schleichkatze, der Gourmets die teuerste Kaffeesorte verdanken. Der Anteil des Tieres am Genussmittel ist einfach beschrieben: Die Katzen fressen die roten Kaffeekirschen und scheiden die Bohnen, fermentiert, wieder aus. So steckt schon im Luxusgut, mit dem die beiden Taugenichtse Handel treiben wollen, das Lebensprinzip: „Das Schöne und das Notwendige“, so der Buchtitel, miteinander zu verbinden, das richtige Leben im vermeintlich falschen zu führen. Einen Vorläufer hat die Kaffeekatze als Geschäftsmodell im märchenhaften Goldesel.

„Grills Buch ist ein schönes, aber wohl kein ,notwendiges‘“ findet Strigl. Dies vertrüge sich auch nicht mit der Freiheit, die die Erzählerin pflege: „Immer ist in dieser Geschichte mit dem Unerwarteten, Unwahrscheinlichen und Abwegigem zu rechnen. (...) Einfach alles scheint erlaubt und dennoch bewegt sich die Geschichte nur haarscharf neben der Wirklichkeit.“

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