Starkult

Wolfgang Müller auf den Spuren von Kurt Schwitters

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Sieht chaotisch aus, gehört aber so: Die Merzhütte von Kurt Schwitters in einer Installation von Wolfgang Müller aus dem Jahr 1997.

Bremen - Von Rolf Stein. Auf den Spuren des Dadaisten Kurt Schwitters reist der Berliner Künstler Wolfgang Müller 1997 nach Hjertöya, eine kleine Insel in Norwegen. Schwitters war 1937 vor den Nationalsozialisten nach Lysaker geflohen, wo er lebte, bis er nach dem deutschen Überfall auf Norwegen nach England weiterzog.

Wie schon in Hannover begann Schwitters auch in Lysaker aus seiner Wohnung ein stetig wucherndes Gesamtkunstwerk zu machen, eine dreidimensionale Materialcollage, die der Künstler „Merzbau“ nannte.

Und auch die kleine Hütte auf Hjertöya, die er als Sommerhäuschen nutzte, verwandelte sich nach und nach in einen solchen, auch wenn sich die Kunstwelt bis heute nicht völlig einig ist, ob der schlichte Bau eigentlich ein wirklicher Merzbau ist.

Wolfgang Müller jedenfalls, der sich in den frühen 80er-Jahren mit der Band Die Tödliche Doris an den Schnittstellen von Musik, Konzeptkunst, Film und anderen Disziplinen betätigt hatte, meinte in den Gesängen der Stare auf Hjertöya Elemente von Schwitters‘ berühmtem Geräuschgedicht „Ursonate“ zu hören. Was eine gewisse Plausibilität hat, denn Stare sind – wie einige andere Singvogelarten – geschickte Kopisten. 

Und dass Schwitters seine „Ursonate“, an der er immer wieder arbeitete, auch in der Abgeschiedenheit der Insel rezitierte, ist zumindest vorstellbar. Sein Kollege Hans Arp soll laut einem Bericht in der „Zeit“ gesagt haben: „In der Krone einer alten Kiefer am Strande von Wyk auf Föhr hörte ich Schwitters jeden Morgen seine Lautsonate üben.“

Müller jedenfalls nahm den Gesang der Stare von Hjertöya auf, dokumentierte den Zustand der Schwitters-Hütte und schuf aus diesem Material eine Installation, die noch bis zum 10. Februar in Bremen zu sehen ist – und zu hören. Die Aufnahmen der vermeintlich Schwitters singenden Stare lassen sich hier per Schallplatte nachhören. 

Was derweil beinahe der Verlag verhindert hätte, der Schwitters literarisches Erbe verwaltet: Weil es ja schließlich um das geistige Eigentum Schwitters zu gehen schien, wollte man doch genau wissen, wer Müller denn erlaubt habe, sich an eben jenem zu bedienen. Ob die Stare wirklich Schwitters singen, lässt sich nun in der Galerie K‘ überprüfen. Vielleicht pfeifen sie sich aber auch nur ihre eigene Melodie auf Verhältnisse, die bei etwas näherer Betrachtung so seltsames wie privates Eigentum an Gedanken kennen und benötigen.

Der übertrieben anmutenden Sorge um eine Verletzung der Urheberrechte durch Singvögel stand übrigens eine geradezu erschütternde Gleichgültigkeit dem Schicksal von Schwitters‘ Sommerhütte gegenüber. Jahrzehntelang stand sie leer, Teile ihrer Ausgestaltung dürften entwendet worden sein, etliches verfallen. 

Dabei stellt das Häuschen den wohl am besten erhaltenen Merzbau dar, denn der in Hannover wurde im Zweiten Weltkrieg bei einem Bombenangriff zerstört, das Haus in Lysaker brannte nieder, die „Merz Barn“ in englischen Elterwater blieb ein Rudiment. Immerhin hat sich mittlerweile eine Stiftung dem Erhalt und der Erforschung des Werks verschrieben.

Wolfgang Müller: „Die Stare von Hjertöya singen Kurt Schwitters“, bis 10. Februar, Galerie K‘.

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