Schauspielleiter Marcel Klett über den Neuanfang am Theater Bremen und die Nachwirkungen der Intendanz Frey

Starke Behauptungen

„Der Ärger hält sich in Grenzen“: Marcel Klett nimmt die jüngsten Spielplanänderungen gelassen.

Von Johannes BruggaierBREMEN (Eig. Ber.) · Sollten Sie demnächst zufällig einmal am Bremer Goetheplatz vorbeikommen und dabei einen besonders heftigen Windstoß verspüren, könnte es sich um einen Atemzug handeln. Hat doch der Rücktritt von Hans-Joachim Frey im Schauspielensemble des Bremer Theaters ein kollektives Aufatmen bewirkt.

Von Beginn an stand die Sparte in der Kritik. Dabei gaben die Gescholtenen, anders als so oft, nicht den bösen Medien die Schuld, sondern recht unverhohlen der Führung des eigenen Hauses. Jetzt ist das alles Vergangenheit, und Chefdramaturg Marcel Klett steigt zum alleinigen Herrscher über das Bühnengeschehen auf. Im Gespräch mit unserer Zeitung erklärt er, wie der neue Bremer Stil aussehen soll.

?Herr Klett, Sie werden bis auf weiteres als alleiniger Chef des Schauspiels fungieren. Wie ist das, wenn man in der Hierarchie plötzlich ganz oben steht?

!Es ist eine zweischneidige Angelegenheit. Zum einen muss man jetzt mit niemandem mehr rechnen, der sich bei der Spielplangestaltung das letzte Wort vorbehält. Zum anderen ist auch niemand mehr da, der seinen Kopf hinhält, wenn etwas schief läuft. Aber der positive Aspekt überwiegt ganz eindeutig.

?Den neuen Spielplan konnten Sie demnach endlich ganz ohne Bauchschmerzen erstellen. Wie sind Sie dabei vorgegangen?

!Im Schauspiel steht immer zuerst die Verpflichtung der Regisseure an erster Stelle. In Absprache mit ihnen entscheiden wir uns dann für die Stücke.

?Nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre Regisseure aus?

!Ihre Handschrift muss uns in ästhetischer Hinsicht interessieren. Von Karsten Dahlem etwa, der „Ronja Räubertochter“ inszenieren wird, versprechen wir uns ein neues ästhetisches Regieverständnis für das Kinderstück vor Weihnachten. Und mit Herbert Fritsch haben wir für Hebbels „Nibelungen“ einen Regisseur verpflichtet, der einen modernen, energetischen Zugriff auf Klassiker hat.

?Sie richten den Spielplan also an rein ästhetischen Kriterien aus. Nun war das Bremer Publikum seit Jahrzehnten den exakt gegensätzlichen Ansatz gewohnt: Erst kommt das Thema, dann die Produktionen, am Schluss wird der Regisseur beauftragt. Liegt darin das in den vergangenen Jahren offenkundige Missverständnis zwischen Bremer Theater und seinem Publikum begründet?

!Das ist möglich. Die von Ihnen beschriebene Ausrichtung des Spielplans an einen thematischen Überbau ist ein sehr traditionelles Vorgehen. Es birgt die Gefahr, dass der Spielplan einen ideologischen Anstrich erhält.

?Inwiefern?

!Aus Erfahrung weiß ich, dass in vielen Fällen die Zuordnung der Stücke zu einem Thema gar nicht stimmt. Der thematische Überbau wird zur Fessel: Mit dem ersten Stück, das wider Erwarten doch nicht so recht zum Spielzeit-Thema passen will, bekommt man ein Argumentationsproblem.

?Wer eine Haltung einnimmt, läuft immer Gefahr, in Argumentationsnöte zu geraten. In einer Gesellschaft ohne jeden thematischen Überbau, in einer Welt der medialen Beliebigkeit legitimiert sich das Theater aber doch erst durch Haltung. Können Sie Teile Ihres Publikums verstehen, wenn es heißt: Jetzt fangen die am Goetheplatz auch noch mit dieser Beliebigkeit an?

!Ich glaube, dass es in den vergangenen Spielzeiten manchmal so aussah. Durch den allergrößten Teil der Produktionen hätten wir diesen Eindruck aber widerlegen können –, wenn ihre Rezeption nicht von anderen Einflüssen im Haus überlagert worden wäre. Schauspiel funktioniert natürlich durch starke Behauptungen und Haltungen, und in der Tat besteht heute sein einziger Sinn darin, unsere Gegenwart kritisch zu interpretieren.

?Jetzt haben Sie im neuen Spielplan Ibsens „Volksfeind“ und Horváths „Glaube Liebe Hoffnung“ untergebracht. Der „Volksfeind“ ist zurzeit schon in Hannover und Oldenburg zu sehen, „Glaube Liebe Hoffnung“ stand ebenfalls gerade erst auf dem Spielplan des Oldenburgischen Staatstheaters. Für Theatergänger, die in der Region zwischen diesen Städten wohnen, liest sich Ihr Angebot wie ein abgelaufener Busfahrplan.

!Ich hoffe, dass sich das Publikum in der Region für die unterschiedlichen Erzählweisen interessiert. Beim „Volksfeind“ wird die Frage aufgeworfen, was mit jemandem passiert, der unter die Räder einer Mehrheitsgesellschaft gerät. Die Bremer Mehrheitsgesellschaft sieht anders aus als jene in Hannover oder Oldenburg: Das wirkt sich natürlich auf die Inszenierung aus.

?Gleichwohl bleibt der Beigeschmack mangelnder Aktualität. Shakespeares „Was ihr wollt“ und Taboris „Mein Kampf“ waren schon für die aktuelle Spielzeit angekündigt. Wegen eines Spielplaneingriffs des scheidenden Intendanten mussten Sie die Produktionen jetzt ins kommene Jahr verschieben: zugunsten fragwürdiger Stückansetzungen wie den Michael-Jackson-Abend und die „Komödie im Dunkeln“. Warum musste das denn sein?

!Warum der Shakespeare der „Komödie im Dunkeln“ weichen musste? Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass wir „Was ihr wollt“ in jedem Fall realisieren wollten und die Produktion deshalb in die neue Spielzeit verschieben mussten. Weil Regisseur Martin Baum die „Komödie im Dunkeln“ inszenieren sollte, konnte er nicht mehr an „Mein Kampf“ arbeiten – am Ende müssen wir damit leben, beide Stücke erst in der kommenden Saison zu sehen. Der Ärger hält sich in Grenzen, da es sich um Stücke handelt, die wir selbst ausgesucht haben.

?Dem nicht genug hat Ihr Spielplan nur noch zwölf statt wie bisher 13 Premieren: Da wurmt es Sie nicht, wenn Ihnen zwei dieser Stückansetzungen durch eine Maßnahme des Ex-Intendanten diktiert werden?

!Natürlich wurmt es. Ein Verzicht auf die Produktionen hätte aber noch mehr gewurmt.

?Was das künstlerische Konzept betrifft, berufen Sie sich auf ästhetische Kriterien und entziehen sich damit inhaltlichen Festlegungen. Ist Ästhetik nicht auch an Inhalt gebunden?

!Natürlich ist sie das, und Regisseure, die nicht ein starkes inhaltliches Interesse haben, laden wir nicht nach Bremen ein. Ich will mich der Konzeptfrage auch gar nicht entziehen. Unser Anspruch ist, dass die Produktionen einen Gegenwartsgehalt offenbaren. Die Stücke müssen unsere Wirklichkeit interpretieren, reflektieren und infrage stellen. Wenn eine Inszenierung keinen Bezug zur Gegenwart hat, ist sie nicht gut. Wenn sie keine Fragen aufwirft, ist sie auch nicht gut. Das ist der Rahmen, in dem wir arbeiten.

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