Verstörende „Tosca“ in Hannover

Star tötet Edelfan

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Ein ärgerlicher und spannender Abend: „Tosca“ mit Liene Kinca in der Titelrolle und und Seth Carico als teuflischer Scarpia.

Hannover - Von Jörg Worat. Ein Kardinal, der als Kind sexuell missbraucht worden ist, widmet einer Starmusikerin einen Devotionalien-Schrein. Nach allerlei Episoden – unter anderem wird ein Herrgottschnitzer einem Lügendetektortest unterzogen – bringt die Angebetete ihren Edelfan um und erfährt anschließend per hinterlassener DVD, dass sich der Dahingeschiedene just dieses Ende gewünscht hat. Eine solche Opernhandlung ist Ihnen nicht vertraut? Dann kennen Sie Puccinis „Tosca“ nicht, zumindest nicht die neue Version der hannoverschen Staatsoper.

Und falls die obige, zugegebenermaßen arg geraffte Inhaltsangabe nach einem ärgerlichen Abend klingt: Es ist einer. Zugleich aber auch über mindestens zwei Drittel der Spieldauer ein sehr spannender. Der russische Regisseur Vasily Barkhatov, Jahrgang 1983, hat eine höchst eigenwillige Interpretation der Handlung geschaffen. Manches wird sich viel besser, wenn nicht überhaupt erst durch die Lektüre des Interviews im Programmheft erschließen. Gewisse Strukturen werden allerdings schnell klar.

Wenn etwa Scarpia vom Polizeichef zum Kleriker mutiert, verschieben sich natürlich die Akzente der Machtverhältnisse. Und dass Barkhatov ihm deutlich mehr Aufmerksamkeit widmet als der Titelfigur, scheint zumindest nicht völlig abwegig – diesem Charakter sind vielfältige, teils widersprüchliche Facetten zu entlocken. Tosca hingegen wird im ersten Teil bewusst farblos gestaltet, um später desto eindringlicher Initiative zu entwickeln. Überhaupt ist eine interessante Entwicklung der Figuren zu beobachten – auch Cavaradossi, zu Beginn eher ein oberflächlicher Hallodri, gewinnt im weiteren Verlauf so etwas wie Konturen.

Vermutlich würde das alles schrecklich schiefgehen, wenn nicht musikalisch wie darstellerisch hohe Kunst geboten würde. Seth Carico ist ein diabolischer Scarpia, kann aber auch die weiche Seite, die Sehnsucht der Figur deutlich machen. Rodrigo Porras Garulo legt als Cavaradossi eine spezielle Energie an den Tag. Und bei Liene Kinca in der Titelrolle mag man zuweilen eine etwas enge Stimmführung in den Mittellagen bemängeln, ihre Interpretation kommt aber auf den Punkt – selbst wenn Tosca punktuell eigentlich zu laut wird, ergibt das im Sinne einer Übersprungshandlung Sinn. Ebenso aufmerksam agiert das Niedersächsische Staatsorchester unter Kevin John Edusei.

Gleichwohl ist der Ansatz der Inszenierung nicht durchgehend stabil. Dann werden Schrifteinblendungen benötigt, um den Inhalt überhaupt noch nachvollziehbar zu machen, oder der Text kollidiert mit der Darstellung, wenn etwa der von der Regie zum Schnitzer umfunktionierte Cavaradossi als Maler angesprochen wird. Und das „Leichen-wechsle-dich“-Spiel am Ende, bei dem mal Scarpia, mal Cavaradossi gemeuchelt am Boden liegt, kann auch einen psychologisch gut geschulten Geist überfordern. Selbstverständlich müssen ältere Stoffe auf ihre Aktualität abgeklopft werden, sollten aber gleichwohl erkennbar bleiben, was hier zuweilen in Gefahr zu geraten droht. Mal abgesehen von handwerklichen Absurditäten – einen Opernsänger, in diesem Fall Seth Carico, zwischen seinen Beiträgen rauchen zu lassen, ist schon mehr als exzentrisch.

Ein ärgerlicher Abend, wie gesagt. Aber wer nicht kommt, muss sich eventuell dem Vorwurf stellen, etwas verpasst zu haben.

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