Buchkritik: Saša Stanišics Kinderbuch

Vom Riesling zurück nach Hause, zu dir

Das Cover eines Kinderbuchs mit dem Titel „Hey, hey, hey, Taxi!“
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Das Taxi auf dem Cover des Buchs hat der Sohn des Autors gemalt.

Hamburg – Saša Stanišic hat ein Kinderbuch geschrieben, das fantasie- und liebevoll zugleich ist. Langweilig wird es nie, auch wenn jede Geschichte demselben Muster folgt: eine Taxifahrt ins Ungewisse.

Dass Saša Stanišics Bücher immer schon perfekt zum Vorlesen waren, wissen zumindest all jene, die einmal bei einer seiner Lesungen waren. Denn Stanišics Stimme trägt einen unvergleichbar warmen Schalk in sich, der auch bei jeder stumm gelesenen Zeile mitklingt.

Vielleicht ist es also nur logisch, dass der Hamburger Autor nun ein Buch veröffentlicht hat, das vor allem zum Vorlesen gedacht ist: das Kinderbuch „Hey, hey, hey, Taxi!“ mit Illustrationen von Katja Spitzer.

Einerseits ist das 96 Seiten dicke Buch Stanišics fiktivstes Werk, andererseits ist es so fest wie kein anderes mit seiner realen, aktuellen Lebenswelt verknüpft. Die Geschichte, die der 2019 mit dem Deutschen Buchpreis Ausgezeichnete, erzählt, sind für seinen vierjährigen Sohn entstanden, teilweise auch mit ihm. Welten aus Sprache und Fantasie zu bauen, was Stanišic als Ziel dieses Werks beschreibt, ist für ihn allerdings nicht neu.

Fantasievolle Figuren sind bei Stanišic nichts Neues

In seinem ersten Roman „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ (2006) etwa erfand er fantastische Figuren, die die Geschichte einer Kindheit während des Bosnienkriegs begleiteten. Nun geht er einen Schritt weiter und lässt den Alltag und das Bekannte ganz fahren – und das wortwörtlich, denn jede Geschichte beginnt mit dem Satz „Hey, hey, hey, ich steige in ein Taxi“.

Manche Geschichten haben nur wenige Sätze, andere sind einige Seiten lang. „Plötzlich ist das Taxi weg. Hä? Ich sitze auf der Schulter von einem sehr kleinen Riesen, und weil das wackelt, muss ich mich festhalten, dabei stoße ich dem sehr kleinen Riesen vom Kopf den Hut und der Hut sagt: ,Aua, pass doch mal auf!‘“

Der sehr kleine Riese, Riesling genannt, spielt Schlagzeug in seinem Hut und lebt davon. Einfach nur zum Bahnhof zu fahren findet er langweilig. Aber er tut es dann doch. „Wartet doch in einer anderen Geschichte auf mich, jetzt muss ich leider wirklich los“, schlägt das erzählerische Ich noch vor.

Beim Vorlesen über den Autor hinausdenken

Oft verwandelt sich das Taxi in etwas anderes, mal landet es als Kutsche im Mittelalter, schrumpft oder fliegt, mal gibt es jemanden am Steuer, mal ein Ziel, mal nicht. Gurkenampeln, Heidelbeerregen, ein Briefkasten, der ins Drachenland führt – alles vorhanden. „Magische Wesen und seltsame Physik“, so beschreibt Stanišic, was er für seinen Sohn erfunden hat. Dabei steckt in seinen Texten ein Schalk, der – unbeabsichtigt? – auch Erwachsenen Spaß macht.

Manche Figuren – wie die von Odjo Odjo, der immer nur „Odjo, odjo“ antwortet, oder die faulen Mini-Piraten – tauchen im Buch immer wieder auf, andere kommen nicht wieder, obwohl man gern gewusst hätte, wie es mit ihnen weitergeht. Mit dem sprechenden Loch zum Beispiel, oder der tanzenden Helgrinde Eichinger, die eigentlich ein Baum ist. Das aber ist Teil des Konzepts, das der Autor vermitteln will: Auch ohne ihn weiter zu erzählen, umzudenken, neu zu erfinden.

Wie wunderbar nah dieses Buch an denen ist, für die es geschrieben ist, zeigt sich an einigen herrlich launigen Geschichten, die oft kurz sind. „Das Taxi verwandelt sich in eine Kutsche. Ich sitze in einer Kutsche. Will ich aber gar nicht, also steige ich wieder aus und spaziere lieber nach Hause, zu dir.“ Der erwachsene Leser ist erstaunt, vielleicht sogar enttäuscht – kann den Impuls aber nachfühlen: Nein, nein, nein, ich will aber nicht!

Ich sitze in einer Kutsche. Will ich aber gar nicht, also steige ich wieder aus und spaziere lieber nach Hause, zu dir.

„Kutsche, nein“

Was dieses Buch von anderen Kinderbüchern abhebt, ist die fehlende Identifikationsfigur. Keine Conny, an der sich jemand festklammern muss. Das Ich, das im Taxi unterwegs ist, kann Vater, Mutter, Kind, dessen Freund oder das Haustier sein.

Dasselbe gilt für das Du. Auch wer Stanišics Stimme nicht im Kopf hat, spürt, wie liebevoll die Worte sind, die er am Ende jedes seiner Abenteuer an sein Gegenüber richtet. Denn keines ist so spannend, dass es ihn unnötig lange fernhalten würde von dem, was ihm am wichtigsten ist: „Da mache ich mich dann doch lieber auf den Weg nach Hause, nach Hause zu dir.“

Nachlesen

Saša Stanišic: „Hey, hey, hey, Taxi!“, illustriert von Katja Spitzer, Mairisch Verlag, 96 Seiten, 18 Euro.

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